SCHAU-Ensemble

Das Schau-Ensemble hat sich 2011 als Kollektiv professioneller Theatermacher in Leipzig gegründet, um von der Schaubühne Lindenfels als Arbeitsort und Basislager aus Theaterprojekte zu entwickeln und umzusetzen. Es arbeitet in einem Theater mit einer besonderen räumlichen Verfasstheit: einem historischen Vergnügungsetablissement in einem ehemaligen Industrievorort, das - mehrfach überbaut und erweitert - Tanzpalast, Konzertsaal, Varietébühne und Filmtheater war und seit zwanzig Jahren ein interdisziplinäres Veranstaltungs- und Produktionshaus für zeitgenössische Künste ist.

Wesentliche Merkmale dieser Theaterkonzeption sind: Die Aufführungen weisen über die Bühne und die herkömmliche Szenenfläche hinaus. Sie beziehen den Zuschauer als Akteur ein und lassen die Orte der Handlung aus dem (Text-)Material entstehen. Die Orte/Szenen entstehen somit in der Begegnung zwischen Zuschauern und Spielern, in einer dafür geformten Anordnung und Funktionalität – als szenisches Display. Die „Szene“ meint hier die konkrete Konstellation und Interaktion, welche aber nicht zwingend ein „Mitspielen“ oder „Anspielen“ braucht, um sich in diesem Sinne zu gestalten. Die Wahrnehmung für den Ort der Handlung, der erst durch die Anwesenheit des Zuschauers erschaffen wird, bindet diesen neu und aktiv ein. Seine Anwesenheit wird als notwendige Vorrausetzung für das Spiel ins Bewusstsein gebracht.

Die Theaterabende des Schau-Ensembles changieren zwischen Zimmertheater und Großer Form, Theaterwanderung und Sitzplatztheater. Darin bewegen sich die Zuschauer zwischen aktiveren und passiveren Momenten, zwischen Draufsicht und Eins-zu-Eins-Situationen, direktem und indirektem Live-Spiel (via akustischer/visueller Medien), zwischen Erzählung und Spiel, Moderation und offenem Zuschauer-Gespräch.

BISHERIGE SCHAU-PRODUKTIONEN:

LANDSCHAFT MIT KÖNIGSTÖCHTERN (2016)

„Es staunt die Tochter Agenors, dass er so herrlich erscheint und nichts Feindseliges vornimmt. … Schon wagt die erhabene Jungfrau, dem Stier auf dem Rücken zu sitzen. … Und es flattern, gewölbt vom Winde, die Kleider.“ (Ovid, Metamorphosen)

Man muss nicht Ovid gelesen haben, um jenem Stier zu begegnen, in den sich Zeus verwandelt hat. In dessen Gestalt er die phönizische Königstochter Europa nach Kreta entführt, sie vergewaltigt und mit ihr den bedeutenden König Minos zeugt. Wir treffen den Stier heute in Straßburg vor dem Europäischen Parlament, finden ihn im Portemonnaie als 2-Euro-Münze oder auf einem Trip ins kunsthistorische Museum. Unreflektiert wird so die Geschichte der Namensgeberin unseres Kontinents zum beliebten Fotomotiv einer verspielt klingenden Erzählung aus der Wiege unserer abendländischen Kultur.

Seit 4000 Jahren werden die antiken Mythen tradiert, konsumiert und bis in die Gegenwart fortgeschrieben, als erotische Geschichten, erhabene Gesänge, großes Theater einer Hochkultur, salon- und schlafzimmertauglich. Nur zaghaft hebt sich hin und wieder der Vorhang für eine kritische Kultur- und Geschichtsbetrachtung. Dabei zeigen unsere Mythen, die nicht klar von der Realgeschichte zu trennen sind, erstaunliche Parallelen auch zu späteren Akten von Landraub und Kolonialismus.

Inspiriert von dem „Buch der Königstöchter“ des Kulturkritikers Klaus Theweleit nehmen wir einen diskursiven Blickwinkel ein. Verharmlost als göttlicher Wille eines Zeus, Poseidon oder Apollon, kann man hinter dem Raub einer Helena die Verschleierung kolonialer Landnahme und die Auslöschung anderer Kulturen lesen – ausgeführt über die Körper von Frauen. Frauen, die eine ambivalente Rolle zwischen Opfer, Helferin und Verräterin einnehmen – in den Erzählungen aus der Perspektive der Sieger.

Wir lassen sowohl antike Königstöchter als auch amerikanische Pendants aus der Realgeschichte zu Wort kommen. Medea, Kassandra, Dido, Ariadne, Pocahontas und Malinche holen uns ins Heute und legen nahe, dass das Prinzip männlich dominierter Geschichte in Form von Krieg und Gewalt kaum auf ein Happy End hoffen lässt.

Regie: René Reinhardt
Bühne, Kostüm: Elisabeth Schiller-Witzmann
Spiel: Johannes Gabriel, David Jeker, Laila Nielsen, Mario Rothe-Frese, Anka Liebe (als Gast), Verena Noll (als Gast)
Dramaturgie: Friederike Köpf
Regie-, Dramaturgiehospitanz: Katherin Bryla
Video, Sound: Gábor Hollós
Technik: Jan Ehrlich


BRODSKY (2015)

Berühmt und vergessen zugleich, das ist Joseph Brodsky. Ein Literaturnobelpreisträger, den das eigene Land, Russland, nicht aushielt und in das er nach seiner Ausweisung 1972 bis zu seinem frühen Tode 1996 in New York nicht mehr zurückkehrte. 2015 wäre er 75 Jahre alt geworden, 2016 jährte sich sein Tod zum zwanzigsten Mal.

In der Inszenierung BRODSKY nähert sich das SCHAU-Ensemble diesem Dichter und Weltbeobachter, der auch im Exil seine Sprache nicht verlor. Die Sprache fungierte ihm als ein realer Zufluchtsort, gab ihm die Möglichkeit, das Leben zu ertragen, ohne dabei eine Form von gesellschaftlicher Utopie zu errichten. Er war ein „energischer Teilhaber an der Lichtquelle der Weltpoesie“, so der Schweizer Schrifsteller und Brodsky-Übersetzer Ralph Dutli.
In einer Montage aus lyrischen, essayistischen und dramatischen Texten und im Spiel der aus ihnen heraustretenden Figuren werden der sprachliche und gedankliche Kosmos des Dichters lebendig. Ebenso facettenreich wie Brodskys Werk zeigt sich die Inszenierung – vielfältig in Bezug auf Text-, Darstellungs- und Spielformen. Sie führt zu den Orten, die für Joseph Brodsky bedeutsam waren sowie von ihm gleichzeitig als real und mythologisch beschrieben wurden: St. Petersburg, New York, Venedig, Byzanz und Rom.

Die Zuschauer begleiten Joseph B. auf einer theatralen Raum-Zeit-Fahrt aus einem New Yorker Hörsaal fort in das Leningrad seiner Jugend und von dort weiter nach Venedig, seinem persönlichen Wallfahrtsort – und über den Käfig der Gegenwart hinaus bis nach Rom und Byzanz! Sie folgen den Zeilen seiner Dichtung auf der Suche nach den Sprüngen und Rissen in der alles verschlingenden Zeit.

Beteiligte Künstler: Johannes Gabriel, David Jeker, Laila Nielsen, Mario Rothe-Frese, René Reinhardt, Elisabeth Schiller-Witzmann, Ilona Schaal, Gábor Hollós


CAMUS (2014)

Der Berg. Der Stein. Die Lücke, die das Scheitern lässt. Dazwischen das Leben.

Sisyphos, Caligula, der Fremde, durch den Zufall der Existenz in Bewegung gebracht, unternehmen den Versuch zu leben, konsequent radikal simpel. Das ist alles.

Das Licht. Die Orte unserer Kindheit. Die Mutter und der große Abschied.

„Der erste Mensch“ namens Jacques Cormery - niemand anderes als der Autor Camus - geht zurück, um endlich seine eigene Konsequenz ziehen zu können. Wenn wir ihn begleiten, finden wir uns mit ihm zwischen zwei Versuchen eines glücklichen Sisyphos.

Beteiligte Künstler: Johannes Gabriel, Gábor Hollós, David Jeker, Laila Nielsen, René Reinhardt, Mario Rothe-Frese, Ilona Schaal, Elisabeth Schiller-Witzmann


DIE SPIELER (2013)

Ein Theater als das Beste aller Glücksspiele und als die sicherste aller unsicheren Banken - für die zweite Inszenierung des SCHAU-ENSEMBLES wurde der alte Ballsaal zum Casino.

Vor 150 Jahren, 1862/63, bereiste Fjodor Dostojewskij zum ersten Mal Westeuropa, die Jahre 1867-71 verbrachte er größtenteils in Deutschland. Aber die Begegnung mit der westlichen Kultur löste bei ihm eine Krise aus, die er in dem burlesken Roman DER SPIELER literarisch umsetzte und selbsttherapeutisch verarbeitete. 150 Jahre danach drehte Jean-Luc Godard auf der später havarierten Costa Concordia seinen FILM SOCIALISME und lässt seine Besetzung im Bauch des Schiffes ihre Sehnsüchte setzen. Dostojewskij und Godard fanden ein gemeinsames Thema - die am Spieltisch ausgelebte Sucht. Das Spiel, auf das alle Träume und Hoffnungen fixiert sind.

Die zweite Inszenierung des SCHAU-Ensembles nimmt den alten Ballsaal der Schaubühne als Spielort an dem die Zuschauer auf vermeintlich sicherem Grund mit den Protagonisten Dostojewskijs zusammentreffen. DIE SPIELER ist publikumsorientiertes Gegenwartstheater, das durch die Begegnung von Spielern und Mitspielern, Croupiers, Darstellern und Publikum eine unwiderstehliche Dynamik entfaltet. Ein Theater als das Beste aller Glücksspiele und als die sicherste aller unsicheren Banken. Die Jetons liegen bereit. Das Spiel beginnt.

Beteiligte Künstler: Frank Heuel, René Reinhardt, Lisa Schiller-Witzmann, Johannes Gabriel, David Jeker, Laila Nielsen, Anna Gubanova, Alexander Borodulin, Johannes Lutkow, Konstantin Schimanowski, Igor Stelmashov, Anton Wasilew, Ilona Schaal


EIN NEUNUNDZWANZIGSTER FEBRUAR (2012)

Ein Neubeginn. Kein Tag wie jeder andere. Ein grünes Licht flackert auf, Sie dürfen eintreten. Ab jetzt wieder regelmäßig: An der Schaubühne Lindenfels wird ab 2012 wieder ein in Leipzig verankertes Theaterensemble produzieren und aufführen. Begehen Sie mit uns den Neuanfang. Wir wollen uns mit Ihnen darüber verständigen, was uns, was Ihnen Theater ist. "Ein neunundzwanzigster Februar" ist eine leise Annäherung an das, was das Theater im Ursprung war und heute sein kann: ein Ort mit seinen ganz eigenen Gesetzmäßigkeiten, eine Raum-Zeit-Maschine, ein Dialogaggregat. Von der Theaterbox aus, in der sich jeweils nur ein Zuschauer und ein Spieler begegnen, betreten wir gemeinsam die große Bühne: Schweigen, Monolog, Dialog und Chor, eine Theater-Geschichte, die uns von uns erzählt. "Ein neunundzwanzigster Februar" spannt einen Bogen vom ersten vorsichtigen Beginn einer Begegnung bis hin zum großen Theaterbild. Lernen Sie unsere Schauspieler kennen, lassen Sie sich von ihnen verführen, glauben Sie ihnen ihre Geschichten oder auch nicht...

„Während unserer Bekanntschaft war André auf dem Höhepunkt seiner Karriere als Theaterregisseur gewesen. Die Arbeit, die er zusammen mit seiner Gruppe geleistet hatte – die Produktionen von "Alice im Wunderland", "Endspiel", "Die Möwe" –, war weltweit als hervorragend und exeptionell gepriesen worden. Aber dann, nachdem André mein Stück "Spät nachts bei uns" inszeniert hatte, war etwas mit ihm geschehen. Keiner wusste genau was. Er hatte dem Theater den Rücken gekehrt. Seine Familie erfuhr monatelang nichts weiter, als dass er allein irgendwelche sonderbaren Teile der Welt bereiste... Gelegentlich war zu hören, dass er im Schlepptau irgendeines buddhistischen Mönchs durchs Land zog oder dass jemand ihn auf einer Party gesehen hatte, wo er den Leuten erzählte, er würde mit Bäumen sprechen oder so. Es lag auf der Hand, dass mit André etwas Schreckliches geschehen sein musste, und die Vorstellung, ihn zu sehen, machte mich zutiefst nervös. Ich war wirklich nicht sonderlich erpicht auf solches Zeug. Sollte ich hier den Arzt mimen, oder was?“ (Auszug aus "Mein Essen mit André" von Wallace Shawn und André Gregory)

Beteiligte Künstler:  René Reinhardt, Frank Heuel, Elisabeth Schiller-Witzmann, Frank Heuel, Laila Nielsen, Sophie Lutz, Johannes Gabriel, David Jeker, Elisabeth Schiller-Witzmann, Ilona Schaal

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