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Aus John Dewey „Kunst als Erfahrung“

Der US-amerikanische Philosoph John Dewey hielt im Winter und Frühjahr 1931 eine zehnteilige Vorlesung zur „Philosophie der Kunst“. Wesentlicher Ansatzpunkt war für ihn die im 19.Jahrhundert im Zuge der Etablierung der Institution Kunstmuseum verlorenen gegangene Verbindung ästhetischen Bewusstseins und alltäglicher Lebenserfahrung. Wesentlich bis heute ist seine Auffassung des künstlerischen Gestaltungsprozesses: präzise Wahrnehmung und sensible Empfindung des im positiven Sinne Alltäglichen führen im künstlerischen Umformen zu neuen Erkenntnissen. Für die Teilnehmer der Sommerakademie vom 1.-9. Juli wird diese Herausforderung in den Kursen allgegenwärtig sein.

 

„Wenn wir gestalten, so berühren und fühlen wir; wenn wir betrachten, so sehen wir, wenn wir lauschen, so hören wir. Die Hand führt die Radiernadel oder den Pinsel. Das Auge verfolgt den Vorgang und verzeichnet sein Ergebnis. Durch diese enge Beziehung sind aufeinander folgende Handlungen kumulativ und weder willkürliche noch routinemäßige Angelegenheiten. Die Beziehung ist bei einem starken künstlerisch-ästhetischen Erlebnis so eng, dass sie Tun und Wahrnehmung gleichzeitig bestimmt. Eine solch elementare Verbundenheit der Beziehung kann nicht empfunden werden, wenn lediglich Hand und Auge beteiligt sind. Sind sie nicht beide als Organe des gesamten Wesens tätig, so handelt es sich nur um eine mechanische Aufeinanderfolge von Sinneswahrnehmung und Bewegung, wie beim Gehen, das ja automatisch ist. Bei einer ästhetischen Erfahrung sind Hand und Auge lediglich Instrumente, mit denen das gesamte, durch und durch bewegte und aktive Lebewesen operiert. Somit ist der Ausdruck gefühlshaft und von einer Absicht gelenkt.

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Das Tun mag voller Energie und das Empfinden scharf und intensiv sein. Wenn beides jedoch nicht miteinander in Beziehung steht und nicht als Ganzheit wahrgenommen wird, ist das Geschaffene nicht vollkommen ästhetisch. Beispielsweise kann das Schaffen in der Darbietung technischer Virtuosität bestehen und Empfinden eine Gefühlsaufwallung und Träumerei sein. Bringt ein Künstler in seinem Schaffensprozess nicht eine neue Erkenntnis zum vollendeten Ausdruck, so arbeitet er mechanisch und wiederholt irgendein altes Modell, das wie eine Blaupause in seinem Geist haftet. Das kreative Schaffen in der Kunst ist durch ein unvorstellbares Maß an Beobachtung und jener Intelligenz charakterisiert, bei der die Einsicht in qualitative Beziehungen eingesetzt wird.

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Es gibt Gelegenheiten, bei denen sich die Bedeutung der herrschenden Idee abschwächt; dann wird der Künstler, ohne sich dessen bewusst zu werden, dazu veranlasst, zu ergänzen und auszugleichen, bis sein Gedanke wieder erstarkt. Es ist das wahre Anliegen des Künstlers, einen Erfahrungsinhalt aufzubauen, der sich in der Wahrnehmung als zusammenhängend darstellt, der aber in seiner Entwicklung einem konstanten Wandel unterliegt."

 

Quelle: John Dewey „Kunst als Erfahrung" Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main 1980