Ursula Biemann: Grenzaktivitäten

Die Frage nach den Möglichkeiten politischer Film- und Videokunst hat das GEGENkino, etwa in Hommagen an Harun Farocki und Hito Steyerl schon in den vergangenen Jahren immer wieder untersucht. In diesem Jahr wollen wir dieses Feld erneut eröffnen – mit speziellem Interesse an der Selbstpositionierung der Künstler*innen in Bezug auf die politischen Zusammenhänge, denen die künstlerische Auseinandersetzung gilt.

Eine Rückschau auf Arbeiten der Schweizer Videokünstlerin Ursula Biemann wird dabei nicht nur eine interessante Stellung innerhalb dieses Problemfelds aufzeigen, sondern auch deutlich werden lassen, wie tagesaktuell die verhandelten Themen ihrer Arbeiten noch heute sind. Biemann begibt sich als "embedded artist" immer wieder in krisengeschüttelte Grenzregionen, sammelt Material und sucht nach einer künstlerischen Form, die die Ergebnisse ihrer Feldforschungen sowie theoretische Einsichten und persönliche Erzählungen miteinander in Verbindung bringt und dabei individuelle, mikropolitische sowie geo- und makropolitische Prozesse in ihrer wechselseitigen Bedingtheit sichtbar werden lässt.

Biemanns früheste Videoarbeit trägt bereits den programmatischen Titel Performing The Border und verdeutlicht wie Grenzen und Grenzregionen nicht bloß als souverän von Staaten festgelegte existieren, sondern insbesondere auch durch individuelle und gemeinschaftliche Aktivitäten in diesen Gebieten konstituiert werden. Für diese Arbeit hat Biemann erforscht, welche Auswirkungen die Nahverlagerung US-amerikanischer Produktionsstätten in grenznahe Gebiete wie Ciudad Juarez sich auf die mexikanischen Arbeiter*innen auswirkt, vor allem wie stark Existenzen und Gemeinden durch diese Praxis gegendert und kriminalisiert werden.
Auch die in Zusammenarbeit mit der visuellen Anthropologin Angela Sanders entstandene Arbeit Europlex erforscht speziell eine Grenzregion, nämlich die spanisch-marokkanische Grenze bei der Exklave Ceuta und zeigt dabei die Zwangslagen der Frauen auf, die auf den ständigen Warenschmuggel über diese Binnengrenze auf existentielle Weise angewiesen sind – ein Vorgang, der in seiner Repetitivität fast schon rituellen Charakter annimmt.
X-MISSION dagegen nähert sich dem Thema Grenze mittels eines anderen Topos: dem des Flüchtlingslagers – und untersucht die Logik und Lesbarkeit dieses Ortes anhand palästinensischer Flüchtlingscamps. Biemann versucht dabei die palästinensischen Refugees nicht im Kontext des Israel-Palästina-Konflikts zu porträtieren, sondern untersucht die Lager auf immanente Weise, wobei die politische und diskursive Bedingtheit dieses Raumes nicht aus dem Blick gerät. Durch eine Montage von Interview- und Videomaterial aus erster wie zweiter Hand findet hier einmal mehr eine künstlerisch-forscherische Auseinandersetzung mit den Verstrickungen von Mikro- und Makropolitik statt – ein Thema, das sich durch alle Werke Biemanns zieht.

Performing The Border (MX/CH 1999, 43', OmeU, DCP)
Europlex (MA/SPA/CH 2003, 20', OmeU, DCP)
X-MISSION (PS/CH 2008, 40', OmeU, DCP)

Das GEGENkino-Festival findet vom 6. bis 16. 4. statt und ist eine Kooperation zwischen dem UT Connewitz, dem Luru-Kino in der Spinnerei und der Schaubühne Lindenfels. Gefördert durch die Kulturstiftung des Freistaats Sachsen, der Stadt Leipzig, dem Studentenwerk sowie dem Österreichischen Kulturforum Berlin.

Alle Informationen zum Festival unter www.gegenkino.de

Veranstaltung liegt in der Vergangenheit

€ 6,5 (5,5 erm.)

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