Zum Hauptinhalt springen

Die Schaubühne solidarisiert sich mit den Betroffenen des Angriffskrieges gegen die Ukraine, öffnet das Haus für geflüchtete Kinder und ihre Familien und unterstützt ukrainische Künstler:innen, nach der Flucht ihre Arbeit fortzusetzen. Verschiedene Veranstaltungsreihen und Kooperationen sind in diesem Rahmen entstanden. So ist zum Beispiel auch eine Residenz des Kiewer Theatre of Playwrights geplant. Als Pilotprojekt hat die Schaubühne dazu im April eine Reihe von Lesungen aktueller ukrainischer Literatur ins Leben gerufen. Zudem ist sie dem Netzwerk „Das Gefühl des Krieges - weltweites Lesungs-Projekt zur Unterstützung der Kulturschaffenden der Ukraine“ beigetreten.

In diesem Kontext wuchs auch die Idee, Texte verschiedener Autor:innen aus Belarus, Russland und der Ukraine zu sammeln. Stimmen und Worte, die sowohl zum Mitnehmen im Haus der Schaubühne präsentiert werden als auch hier stetig neu erscheinen.

 

#StandWithUkraine: Mehr zu den Solidaritätsaktionen der Schaubühne gibt es auf der Schaubühnen Website.


Голуби - 26222
худі гілки
лютневих дерев
схожі на тичячу рук
які копаться в сірому
[...]


Голуби - 26222
Die dürren Äste
der Februarbäume
gleichen tausend Händen
die sich ins Grau verkrallen
[...]


Halyna Kruk: Lemberg
da stehst du mit einem kleinen Plakat «no war», Abbitte für das,
was nicht mehr abwendbar ist: der Krieg ist nicht zu stoppen,
wie grelles Arterienblut aus einer offenen Wunde –
strömt er, bis er tötet,
[…]


Галина Крук : Львів
стоїш із плакатиком «no war» як індульгенцією за те,
чого уже не відвернути: війну не зупинити,
як яскраву артеріальну кров із відкритої рани –
вона тече, доки не вб’є,
[...]


Борис Херсонський
Ну что, явились – не запылились, принесли любимой букет из
танков, вертолетов, крылатых ракет, сказали ей, ты во всем
виновата, вот тебе мина-граната, сука, чего ж ты обидела старшего
брата? Это тебе не тренировочный взрыв-пакет.
Мы не вторгаемся,
[...]


Boris Chersonskij
So, da platzt ihr also mal eben herein, mit Bukett für die Geliebte
aus Panzern, Helikoptern, Marschflugkörpern,
und sagt ihr: Bist selbst schuld, hier, nimm noch eine Granate,
Schlampe, was tatest du dem großen Bruder auch weh? Da hast du, mit Manövermunition ist es bei dir nicht getan. Wir greifen nicht an,
[...]

"Der Krieg ändert das Vokabular. Er reaktiviert Wörter, die man bis dato nur aus historischen Romanen kannte. Vielleicht weil Krieg immer auch die Geschichte reaktiviert. Man kann sie sehen, schmecken, riechen. Meist riecht sie verbrannt." – schreibt Serhij Zhadan in seinem Band "Warum ich nicht im Netz bin". Der Charkiwer Autor reagierte darin mit Gedichten, Songtexten und Tagebuchaufzeichnungen auf Krieg, der 2014 in der Ostukraine ausbrach. Im Grunde hat er nicht aufgehört, dieser Krieg, er schlummerte in den von Russland besetzten Gebieten, um mit unerwarteter Heftigkeit nun das ganze Land zu erfassen. Täglich erreichen uns Bilder und Nachrichten, Grauen und Schrecken, alles nicht vorstellbar. Nein, wir haben keine Ahnung, was das bedeutet, können uns trotz all der Bilder keine Vorstellung davon machen, was das heißt, plötzlich im Krieg zu sein.

Mit Literatur lassen sich keine Kriege stoppen, Gedichte werden die Welt nicht retten, aber vielleicht sind sie eine Möglichkeit, an das Menschliche in uns weiter glauben zu können, eine Möglichkeit, inmitten dieses Grauens die eigene Stimme oder auch den Verstand nicht zu verlieren. So entstand die Idee, Autor:innen aus Belarus, Russland und der Ukraine und deren Übersetzer:innen – denen hier ein besonderer Dank gebührt – nach Texten zu fragen, um mit uns ihre Gedanken zu teilen. Was machen Krieg und Gewalt mit dem Schreiben? Wie schreiben sie sich in die Texte hinein?

Danke, dass ihr eure Worte mit uns teilt.

Martina Lisa, Übersetzerin (VdÜ, Tschechisch/Slowakisch-Deutsch), Autorin und Kreuzer Literaturredakteurin.

Голуби - 26222

худі гілки
лютневих дерев
схожі на тичячу рук
які копаться в сірому

слідуючи за лініямм
я ловлю себе,
як мої очі
що небі шукають
темні плями
немислимо доки вчора
перед цим вікном
де лежають доми(будинки)
ніби могли б
спати безтурботними

траєкторія вгору
належить мілану
на дахах чекають
лише загіни воронів
слухають, як я
залпи синиць
Але голубків
декілька днів не було
вони зникли
ніби щось знали

 

Голуби - 26222

Die dürren Äste
der Februarbäume
gleichen tausend Händen
die sich ins Grau verkrallen

Die Linien folgend                      
ertappe ich mich                        
wie meine Augen
den Himmel absuchen
nach dunklen Flecken                  
unvorstellbar bis gestern              
vor diesem Fenster                     
wo Häuser liegen
als dürften sie
noch sorglos schlafen

Die Flugbahn oben
gehört dem Milan
auf den Dächern lauern
nur Krähentrupps                       
lauschen wie ich
den Salven der Meise
Doch die Täubchen
sind fort seit Tagen
sind verschwunden
als wüssten sie was

Von René Reinhardt
Ins Ukrainische übersetzt von Juliusz Meyer


René Reinhardt ist Autor, Regisseur und künstlerischer Leiter der Schaubühne Lindenfels.

Juliusz Meyer absolvierte bis Kriegsbeginn ein Freiwilliges Soziales Jahr in der Ukraine und engagiert sich nun ehrenamtlich für ukrainische Geflüchtete.                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                          

Halyna Kruk: Lemberg

da stehst du mit einem kleinen Plakat «no war», Abbitte für das,
was nicht mehr abwendbar ist: der Krieg ist nicht zu stoppen,
wie grelles Arterienblut aus einer offenen Wunde –
strömt er, bis er tötet,
er dringt mit Bewaffneten in unsere Städte ein,
streut feindliche Terrorgruppen aus über den Innenhöfen,
tödliche Quecksilberkügelchen, die nicht aufgelesen,
nicht zurückgeschickt, nur aufgespürt und ausgeschaltet werden können
von all den Managern, Büroangestellten, Softwareentwicklern und Studierenden,
die das Leben nicht vorbereitet hat auf Straßenkämpfe, aber der Krieg
unterrichtet im Felde, in schmerzlich vertrauter Umgebung, in Eile
als erste in die Landwehr kommen Männer mit Kampferfahrung,
und dann gleich die, die nur Dune und Fallout hinter sich haben,
ach ja, und einen Crashkurs im Mixen explosiver Cocktails bei einem Kumpel,
der Barmann ist
im Nachtclub um die Ecke schlafen Kinder, weinen Kinder, werden Kinder
geboren in eine Welt, die vorübergehend ungeeignet ist für all das
auf dem Spielplatz schweißt man Panzerigel
und füllt todbringende „Getränke” in Flaschen – ganze Familien,
die hier endlich Freude aneinander und geordneter gemeinsamer
Arbeit empfinden – der Krieg verkürzt den Abstand
von Mensch zu Mensch, von der Geburt zum Tod,
von dem, was wir uns nie gewünscht hätten
zu dem, wozu wir uns plötzlich fähig erweisen […]

Галина Крук : Львів

стоїш із плакатиком «no war» як індульгенцією за те,
чого уже не відвернути: війну не зупинити,
як яскраву артеріальну кров із відкритої рани –
вона тече, доки не вб’є,
заходить у наші міста озброєними людьми,
розсипається ворожими дрг у внутрішніх дворах,
ніби смертельні ртутні кульки, що їх уже не визбирати,
не повернути назад, хіба що вистежувати і знешкоджувати
цим цивільним менеджерам, клеркам, айтішникам і студентам,
яких життя не готувало до вуличних боїв, але війна вчить
в польових умовах, на до болю знайомій місцевості, наспіх
в тероборону спершу беруть чоловіків із бойовим досвідом,
потім уже навіть тих, що мають за плечима тільки Dune і Fallout,
ну і ще короткий майстерклас із приготування вибухових коктейлів від знайомого
бармена. в найближчому нічному клубі сплять діти, плачуть діти, народжуються діти
у світ, тимчасово непридатний для цього
у дворі на дитячому майданчику варять протитанкові їжаки
і розливають смертельні «напої» – сімейним підрядом,
цілими родинами, які нарешті спізнали радість спілкування
і злагодженої колективної праці – війна скорочує відстань
від людини до людини, від народження до смерті,
від того, чого ми собі не бажали –
до того, на що ми виявилися здатні […]

Halyna Kruk (*1974) lebt als Ukrainistin, Autorin, Übersetzerin aus dem Polnischen und Literaturkritikerin in Lwiw. Ihre in Buchform wie in Zeitschriften publizierten Gedichte und Kurzgeschichten wurden in über 20 Sprachen übersetzt, daneben schreibt sie auch vielbeachtete Kinderbücher.

Chrystyna Nazarkewytsch (*1964 ) ist Dozentin für Theorie und Praixis des Übersetzens am Institut für Fremdsprachen der Universität Lwiw und Übersetzerin zwischen Deutsch und Ukrainisch.

Beatrix Kersten (*1972) studierte Slawistik, Skandinavistik und Osteuropäische Geschichte sowie Philosophie und Politikwissenschaft und ist seit 2000 tätig als Texterin und freie Übersetzerin u.a. aus dem Ukrainischen und Jiddischen von literarischen, essayistischen und audiovisuellen Texten.

Борис Херсонський

Ну что, явились – не запылились, принесли любимой букет из танков, вертолетов, крылатых ракет, сказали ей, ты во всем виновата, вот тебе мина-граната, сука, чего ж ты обидела старшего брата? Это тебе не тренировочный взрыв-пакет. Мы не вторгаемся, мы восторгаемся – сука, не прекословь. Коленки врозь, окровавлена простыня – вся любовь. Мы тебя принуждаем к миру, к ужину с бронезакуской. Мир – не простой, а русский, ты понимаешь – русский! Русский, сколько раз повторять? Одевайся и ужин готовь! Ну, где твой заступник? Ворочает языком? Ты конечно весь век мечтала о друге таком! Чтобы грозил оставить обидчика с пустопорожним карманом, обзывал нашего папочку параноиком, клептоманом, а русского человека – алкоголиком и простаком. Мы пришли с огнем. И ты нас встречаешь с огнем? Посылаешь нас нах, чтобы мы остались на нем. Как говорят до получения дальнейших распоряжений, там – на причинном месте, немало мест для сражений, то налетим эскадрильей, то ракетою долбанем. Ты узнала меня, это я, твой Каин, твой старший брат. С тобою ангел? А с нами летательный аппарат. Мы навалились на вас всем спецхраном, всем телеэкраном, мы вставим вас одетым в прозрачный кондом тираном, у нас есть красная площадь, на ней устроим парад. Ну что же скачите на бывшем павшем белом коне,он в крови, в блевотине, в грязи и гавне. Я пишу «в гавне», словарь исправляет на «в гавани». Спокойной ночи, товарищи – в грязном саване, в загаженной вами же вашей любимой стране.

 

 

Boris Chersonskij

So, da platzt ihr also mal eben herein, mit Bukett für die Geliebte
aus Panzern, Helikoptern, Marschflugkörpern,
und sagt ihr: Bist selbst schuld, hier, nimm noch eine Granate,
Schlampe, was tatest du dem großen Bruder auch weh? Da hast du, mit Manövermunition ist es bei dir nicht getan. Wir greifen nicht an, wir himmeln an, also Maul halten, Schlampe. Beine breit und Blut aufs Laken – so geht die Liebe. Zum Frieden zwingen wir dich, einem Mahl mit bombastischen Sakuski. In eine Welt, nicht irgendeine, die russische, hörst du, russki? Fällt der Groschen, russische Welt? Zieh dir was über und fang an zu kochen. Na, wo ist dein Beschützer geblieben? Drischt irgendwo Phrasen? Und nach so einem hast du dich die ganze Zeit gesehnt! Drohen sollte der, deinen Beleidiger in den Bankrott zu treiben, der schmähte unsern Papi einen Psychopathen und Kleptokraten und Russen an sich Säufer und Schwachmaten. Gekommen sind wir mit Feuer. Du empfängst uns mit Feuer? Wir sollen uns ficken, meinst du, damit wir die Gefickten bleiben. Bis auf Widerruf, wie es so hübsch immer heißt, haben im Intimbereich aber etliche Kampfzonen Platz, und wir gehn da rein, volles Rohr, mit unseren Geschossen. Du hast mich erkannt, ich bin es, dein Kain, dein großer Bruder. Einen Schutzengel hast du? Wir haben Geschwader. Wir zerschmettern euch aus allen Geheimarchiven, von allen Bildschirmen, wir rammen einen Tyrannen in transparentem Kondom in euch hinein, der Rote Platz gehört uns, unsere Parade wird dort defilieren. Los doch, spreng auf deinem einstigen, verreckten, weißen Pferd heran, das liegt jetzt im Blut, im Dreck, in Kotze, in Scheiße. Ich schreibe „in Scheiße”, die Autokorrektur macht daraus “im Schweiße”. Gute Nacht, Genossen, in besudelten Schweiß-, in Leichentüchern, im von euch aus Liebe geschändeten Land.

Aus dem Russischen von Beatrix Kersten.


Boris Khersonsky (*1950) ist Arzt, Psychologe und Psychiater und Inhaber der Professur für Klinische Psychologie an der Universität Odessa. Zu Sowjetzeiten in der Samizdat-Bewegung engagiert, ist Khersonsky einer der wichtigsten und produktivsten russischsprachigen Dichter der Ukraine. 

×