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Bei Anruf Kafka: Direkt vor dem Alten Rathaus tauchen fünf Boxen auf. Sie erinnern an alte Telefonzellen. Wer die richtige Nummer wählt, wird per Videotelefon mit einer historischen Persönlichkeit verbunden. Was macht z.B. Franz Kafka in Leipzig? Und was haben mir andere Personen aus der Vergangenheit zu sagen? Manchmal ist es hilfreich, mit dem Wissen von heute mit Menschen von früher zu sprechen.

Am 27. Und 28. Oktober 2021 brachte die Theater-Zeitmaschine des Cockpit Collective der Schaubühne Lindenfels durch interaktive Inszenierung Menschen während ihrer alltäglichen Besorgungen im Zentrum der Leipziger Innenstadt mit historischen Persönlichkeiten ins Gespräch. Für 50 Cent konnten Passant:innen 15 Minuten per Videotelefonie mit Franz Kafka, Bruno Vogel, Julie Bebel, Karl May oder dem "Eisernen Gustav" verbunden werden. Was haben uns diese Menschen heute noch zu sagen? Und welche Verbindung haben sie zu Leipzig? Mit Fantasie konnte man in der Zeit zurück- und vorspulen und nebenbei auch die Leipziger Innenstadt noch einmal ganz neu entdecken.

Die Cockpit-Collective-Crew

Bruno Vogel: Pazifistischer Schriftsteller und Pionier der Leipziger Homosexuellen-Bewegung

— Geboren 1898 in Leipzig, gestorben 1987 in London —

Der 1898 in Leipzig geborene Autor skandalöser Antikriegsliteratur und Begründer einer der ersten Homosexuellenorganisationen Leipzigs, hatte das Talent, von jedem bedeutsamen Ort rechtzeitig zu verschwinden. Nachdem er 1918 aus dem Kriegsdienst entlassen wurde, verarbeitete er die Erlebnisse des Krieges, sowie seine Homosexualität, in umstrittener Antikriegsliteratur wie „Es lebe der Krieg“, „Alf“ oder „Gulasch“. Zudem gründete er zu Beginn der 20er Jahre eine der ersten Homosexuellen-Bewegungen Leipzigs „Gemeinschaft Wir“. Bruno Vogel war seiner Zeit voraus, weshalb die Vergessenheit sein Schicksal wurde. Das Geheimnis seines Talents verriet Bruno Vogel in einer dieser Telefonzellen.

Ein Wiedersehen mit Bruno Vogel ist im Rahmen des "Museum Ex Machina - Digitale Begegnungen" möglich. Eine Kooperation zwischen dem Stadtgeschichtlichen Museum Leipzig und der Schaubühne Lindenfels unter Beteiligung des „Cockpit Collective“.

Kay Liemann spricht über Bruno Vogel


Julie Bebel: Aktivistin der sozialistischen Frauenbewegung

— Geboren 1843 in Leipzig, gestorben 1910 in Zürich —

Johanna Caroline Julie Bebel, geboren am 02.09.1843 in Leipzig, agierte in einer Zeit, in der es Frauen gesetzlich untersagt war, politisch wie geschäftstüchtig zu sein. Als Frau August Bebels übernahm sie dennoch dessen Geschäfte in Zeiträumen seiner Abwesenheit durch Gefängnisaufenthalte und Reisen und galt somit als Sekretariat der Sozialdemokratischen Partei. – Nicht umsonst wurde A. Bebels Buch „Die Frau und der Sozialismus“ unter dem Pseudonym „Frau Julie“ gehandelt. Im Jahr 2021 interessiert sich Julie Bebel vor allem dafür, ob sich ihre Thesen aus dem Kapitel „Die Frau in der Zukunft“ bewahrheitet haben. Themen wie Gleichberechtigung und Teilhabe, aber auch das gesellschafts-politische "Mithalten können" mit rasant fortschreitenden technischen Errungenschaften, besitzen nach wie vor bestürzende Aktualität.

Ein Wiedersehen mit Julie Bebel ist im Rahmen des "Museum Ex Machina - Digitale Begegnungen" möglich. Eine Kooperation zwischen dem Stadtgeschichtlichen Museum Leipzig und der Schaubühne Lindenfels unter Beteiligung des „Cockpit Collective“.

Verena Noll als Julie Bebel im Interview


Franz Kafka: Schriftsteller und Junggeselle der Weltliteratur und zu Besuch in Leipzig…

— Geboren 1883 in Prag, gestorben 1924 in Kierling —

Der 1883 in Prag geborene Schriftsteller, aus dessen ungewöhnlicher Art und Weise des Beschreibens die Bezeichnung „kafkaesk“ hervorgeht, reiste im Laufe seiner Karriere des Öfteren zum jungen Rowohlt Verlag in die Leipziger Innenstadt. Neben Besuchen in „Wilhelms Weinstube“ in der Hainstraße 23 und dem „Café Français“ (ab 1914 Café Felsche) am Augustusplatz, streifte Kafka auch am Bordellgässchen, dem damaligen „Goldhahngäßchen“, vorbei. Wieso er sich dort mehrfach die Schnürsenkel auf- und zubinden musste und weshalb Kafka im Jahr 2021 nur noch vor einer Betonwand steht, konnte man in einem Telefonat zwischen Gestern, Jetzt und Morgen erfahren.

Wir trafen Soheil Boroumand als Reinkarnation Franz Kafkas in Leipzig...


Karl May: Hochstapler, Fantasiereisender und Humanist

— Geboren 1842 in Ernstthal, gestorben 1912 in Radebeul —

Vor seinem Durchbruch als Schriftsteller war der bekannte Abenteuerautor – u. a. von der Winnetou-Trilogie – immer wieder wegen Hochstapelei inhaftiert. Seine Vita vermerkt insgesamt fast sieben Jahre Gefängnis: Nach einer vierjährigen Gefängnisstrafe mit vorzeitiger Entlassung wegen Zechenprellerei und Hochstapelei begeht May erneut als Polizist, Generalstaatsanwalt und Advokat mehrere Diebstähle. Diesmal führt ihn sein Vergehen von 1870 bis 1874 in eine Haftstrafe ins Zuchthaus Waldheim nach Sachsen – eines der gefürchtetsten Justizvollzugsanstalten seinerzeit. Diese Zeit nutzte er, um zu schreiben. Bei einem Telefonat aus seiner Gefängniszelle sprach May über das Leben in der Isolation und darüber, wie man kreativ sein kann, wenn man sich selbst die einzige Inspiration ist.

Meigl Hoffmann als Karl May im Gespräch...


Gustav Hartmann: Der Eiserne Gustav – Droschkenkutscher Berlin – Paris, 1928

— Geboren 1859 in Magdeburg, gestorben 1938 in Berlin —

Gustav Andreas Theodor Hartmann wurde bekannt als „Eiserner Gustav“. Der Berliner Droschkenkutscher sorgte 1928 mit seiner Reise vom Wannsee nach Paris für große Aufmerksamkeit. Mit dieser spaktakulären Fahrt wollte er das Droschken-Gewerbe vor dem Untergang bewahren. Doch den Siegeszug des Automobils – und damit den Bankrott seines Unternehmens – konnte auch er nicht verhindern. Seine Geschichte wurde 1938 in einem Roman von Hans Fallada „Der Eiserne Gustav“ veröffentlicht und 1958 mit Heinz Rühmann in der Hauptrolle verfilmt. Als Gegenmodell zu den fortschreitenden Erfindungen der 1920er-Jahre wie Tonfilm, Hubschrauber und elektrischem Mixer stellte Gustav Hartmann sich im Jahr 2021 den Fragen seiner Zeit: Wie gelingt es, Veränderungen zu akzeptieren und sich auf Neues einzulassen? Ein Gespräch zwischen Aufbruchstimmung und Verharren.

Johannes Gabriel erzählt uns vom "Eisernen Gustav"

Credits & Informationen

Credits

Schauspieler:innen:
Verena Noll  als Julie Bebel
Johannes Gabriel als Gustav Hartmann
Soheil Boroumand als Franz Kafka
Kay Liemann als Bruno Vogel
Meigl Hoffmann als Karl May

Regie: René Reinhardt
Kostüme und Bühnenbild: Elisabeth Schiller-Witzmann
Bau (Telefonzellen): Sven
Technik: Benjamin Henkel, Henriette Albrecht
Regieassistenz: Jennifer Krebs

„The Cockpit Collective” ist ein interaktives Format der Schaubühne Lindenfels, das im Frühjahr 2020 entwickelt wurde. Als digitales „Interface Theater“ bringt es Publikum und reale Personen aus Vergangenheit und Gegenwart, verkörpert von Schauspieler:innen, ins Gespräch – Ein Theater-Erlebnis zwischen digitalem und analogem Austausch mit dem Publikum.

Die Veranstaltung vor dem Alten Rathaus fand im Kontext einer Kooperation des Stadtgeschichtlichen Museums Leipzig mit der Schaubühne Lindenfels statt, bei der unter Beteiligung des „Cockpit Collective“ ein digitales Vermittlungsangebot für das Museum entsteht: "Museum Ex Machina - Digitale Begegnungen". Das Projekt wird entwickelt im Rahmen von „dive in. Programm für digitale Interaktionen“ der Kulturstiftung des Bundes, gefördert durch die Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien (BKM) im Programm NEUSTART KULTUR.

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