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Im Rahmen des Projektes May Town in Zetkin Park begeben sich seit Dezember 2021 Künstler:innen verschiedener Disziplinen und von drei Kontinenten in einen internationalen künstlerischen Austausch. In einer eigens für dieses Projekt konzipierten Online-Plattform wurde ein digitaler Raum geschaffen, der es ermöglicht, gemeinsam an den unterschiedlichen Projekten zu arbeiten. Zwischen Mai und Juli 2022 lädt die Schaubühne zu individuellen und gemeinschaftlichen Erkundungen mit digitalen Formaten und realen Interventionen im Clara-Zetkin-Park ein.

Hier werden in den nächsten Wochen alle Akteur:innen des Projektes und der Online-Residenz vorgestellt.

Die Online-Residence-Crew

Isabel Tueumuna Katjavivi

– No stone left unturned –

Isabel Tueumuna Katjavivi ist Multimedia-Künstlerin aus Namibia. Sie wurde vor der Unabhängigkeit der namibischen Nation in New Haven als Tochter einer britischen Mutter und eines namibischen Vaters geboren, der 27 Jahre lang im Exil lebte und in der namibischen Unabhängigkeitsbewegung aktiv war. In ihrer Arbeit nutzt sie die Kunst als Mittel zur Selbstheilung, zur Erforschung von Traumata, zum Aushandeln von Identität und zur generationenübergreifenden Erinnerung.

Für May Town in Zetkin Park fokussiert sie sich in ihrer Videoinstallation No stone left unturned, was gleichzeitig „kein Stein bleibt auf dem anderen“ und „nichts bleibt unversucht“ bedeutet auf zwei Themen: Erinnerung und den Völkermord an den OvaHerero von 1904 bis 1908. Dazu verwendet Katjavivi Fotografien, bewegte Bilder, Tonskulpturen und Materialien von Orten des Traumas.

Die Geschichte ist in physischen und emotionalen Räumen verankert. Denkmäler erzählen von bewaffneten Auseinandersetzungen und Siegen und von denjenigen, die durch die Kolonialmächte umgekommen sind. Gedenkstätten für die Leidtragenden und Besiegten aus den Kolonien entstehen meist erst viel später.

In Namibia erinnern sich Familien an die schrecklichen Verluste der OvaHerero, Nama und anderer, die in den zentralen und südlichen Teilen Namibias lebten und während der Kolonialkriege und des Völkermords durch die deutschen Kolonialmächte starben. Durch die mündliche Überlieferung werden einige dieser Orte, die Geschichte und die Menschen in Erinnerung gerufen. Halb versteckt am Straßenrand liegen Orte, an denen Menschen anhalten, um ihnen die letzte Ehre zu erweisen. Flüsse, Brücken, Bäume und Termitenhügel erzählen von den Orten, an denen OvaHerero im Widerstand gegen deutsche Kolonialtruppen gefallen sind, wo sie auf ihrer Reise vorbeikamen. Die mit Gras bewachsenen und mit Zweigen übersäten Stellen sind mit Steinen markiert. Wenn man diese Orte passiert, fügt man einen Stein zu den bereits Vorhandenen hinzu. Dieser physische Akt des Gedenkens ehrt die Gefallenen und hält die Erinnerung an sie wach.

Obwohl kein:e Namibier:in entführt und auf der STIGA in Leipzig 1897 ausgestellt wurde, gibt es viele Parallelen zwischen Namibia und Tansania, von wo aus die Menschen entführt und nach Leipzig verschleppt wurden. Tansania, ebenfalls eine ehemalige deutsche Kolonie, hatte gleichsam unter Generalleutnant Lothar von Trotha zu leiden. Auch sie wurden Opfer von Gewalttaten wie Lynchmorde und Hungerstode.

Die Verbindung zwischen den beiden Ländern in diesem Kunstwerk sind die Bismarck-Felsen, die in der Nähe von Mwanza stehen, in der Nähe des Ortes, an dem die Menschen gewaltsam nach Leipzig gebracht wurden, um dort ausgestellt zu werden. Diese Felsen erinnern an die koloniale Macht, an Anspruch und Benennung, an Auslöschung. Sie verweisen auf die Felsen und Steine, die in Namibia verwendet werden, um wichtige Orte des Gedenkens an verstorbene Menschen zu markieren und sicherzustellen, dass ihr Leben und ihre Geschichte nicht verschwindet.

Thadeusz Tischbein

– Reich der Tiere –

Der gebürtige Chemnitzer Thadeusz Tischbein ist Videokünstler und lebt und arbeitet in Leipzig. Er studierte zwischen 2008 und 2016 in Leipzig an der Hochschule für Grafik und Buchkunst bei Prof. Clemens von Wedemeyer und Prof. Günther Selichar, an der Nationalen Universität der Künste Bukarest und war von 2015 bis 2016 Meisterschüler bei Candice Breitz an der Hochschule für Bildende Künste Braunschweig. In seinen Arbeiten erforscht Tischbein das Verhältnis von Macht und Fragen des Erinnerns und Vergessens durch Architektur.

Sein 2017 entstandener Videoessay SNOW WHITE ist eine Reise zu den Leichen in Mausoleen, Kirchen und Museen. In THE ATLAS OF THE WOUNDED BUILDINGS versucht er, in Einschusslöcher geschriebene Erzählungen zu untersuchen. INVENTORY aus dem Jahr 2015 berichtet aus dem fremden Wohnzimmer von sogenannten Büropflanzen.  

Für May Town in Zetkin Park hat Thadeusz Tischbein sich auf die Reise begeben zu den größten deutschen Nationaldenkmälern, sozusagen zu einigen der schwersten Brocken im Verdauungstrakt der Nation. Und hier stieß er auf allerhand Getier, welches nicht zufällig ins Gespräch kommt mit Fabelwesen und Tieren aus Sagen und Mythen. Waren doch auch die Gebrüder Grimm beteiligt an der Märchenerzählung von der uralten Nation.

„Wir sehen das ehemals an dieser Stelle vorhandene Bismarck-Denkmal. Jedoch interessieren wir uns nicht weiter für den bekannten Herren, sondern wenden uns seinem ebenfalls verewigten Hund zu. Dieser wurde im Volksmund und in Medien „Reichshund” genannt. Betreten wir nun das Hundemonument. Hier sehen wir – neben einigen kleinen Modellen von Denkmalen – eine Kurzfassung des Films „Reich der Tiere” von Thadeusz Tischbein.“

Cristina Kristal Rizzo & Kenji Parsley Hortensia

UNLEASH leave our mikes alone –

Cristina Kristal Rizzo ist eine in Florenz lebende Tänzerin und Künstlerin. Neben künstlerischen Produktionen arbeitet sie intensiv an Workshops, Konferenzen und theoretischen Konzeptionen. Ihr Interesse gilt der Choreografie in einem erweiterten Kontext, dem sie sich durch experimentelle Praktiken und kreative Prozesse in einer Vielzahl von Formaten und Ausdrucksformen genähert hat. Seit 1994 ist sie auf der Bühne als Performerin und Ideengeberin aktiv. Sie ist Mitbegründerin des Kollektivs Kinkaleri, mit dem sie durch die internationale zeitgenössische Tanzszene tourte und mehrere Preise erhielt. Seit 2008 verfolgt sie eine autonome Karriere als Produzentin und experimentelle Choreografin, in der sie ihre Körperforschung mit einer theoretischen Reflexion mit starker dynamischer Wirkung verbindet – und eine der wichtigsten Persönlichkeiten der italienischen Choreografieszene wird. Ihre Arbeit wird von TIR Danza und MiBAC (Ministero dei beni e delle attività culturali e del turismo italiano) unterstützt.

Für May Town in Zetkin Parknimmt sie gemeinsam mit dem Performer Kenji Parsley Hortensia Fragen aus André Lepeckis Buch „Blackening Europe” zum Ausgangspunkt: Wo ruht die Geschichte, wenn überhaupt? Und wie wird Geschichte wieder zum Leben erweckt und in Bewegung gesetzt? Wie findet sie ihren Grund, ihren Rhythmus, ihre Anatomie? Dabei setzen sie sich in Tanz, Musik und Film mit der postkolonialen Melancholie und dem ambivalenten Gefühl zwischen Reden und Handeln in einer europäischen Perspektive auseinander. Der Widerspruch sei nach wie vor vorhanden und offen, aber das Wesentliche, das sie zu vermitteln suchen, ein intimer Dialog und eine Zusammenarbeit zwischen verschiedenen Körpern – unabhängig ihres Alters, ihrer Hautfarbe, Kultur, Erfahrungen und Zukunftsvisionen.

In einem möglichst offenen Raum zwischen Tanz, Musik und Film, zwischen Selbstinterviews, Performances und Biografien soll sich die Produktion mit der realen Geschichte eines postkolonialen Lebens im Übergang beschäftigen. Es sollen gemeinsam Fragen und Diskussionen darüber entstehen, was eine mögliche Perspektive sein kann, die Generationenübergange, sprachliche Verpflichtungen, soziale Körpernormen, Geschlechterunterschiede und einzelne Körperbiografien nicht ausschließt. „Wir glauben, dass Subjektivitäten nur durch gegenseitige Anerkennung und eine kollektive Ethik geschmiedet werden. Der erste Schritt auf dem Weg zu einem neuen Humanismus, einem Humanismus, der für die Dimensionen des Universums als gültig angesehen werden kann, ist eine Ethik der Anerkennung von Unterschieden innerhalb des postkolonialen Paradigmas.“

Kenji Paisley-Hortensia ist Performance-Künstler, wurde in Arpajon geboren und lebt und arbeitet in Marseille. Neben seiner künstlerischen Laufbahn als Performer unterrichtet er Hip-Hop und produziert eigene Musik. Bei der Teilnahme am künstlerischen Campus Sup de Sub in Marseille lernte er Cristina Kristal Rizzo kennen, die ihn einlud, mit ihr in einer Produktion zu tanzen und nun auch bei May Town in Zetkin Park dabei zu sein.

Julia Asperska

– Context Curator –

Julia Asperska, engagierte Kunst- und Kulturmanagerin, Kuratorin und Moderatorin im internationalen Kontext, arbeitet unabhängig als künstlerische, kuratorische und strategische Beratung. Sie ist stellvertretende Co-Direktorin bei Something Great und lebt in Posen. Sie besitzt einen Masterabschluss in Ethnolinguistik und besuchte ein Aufbaustudium für Kunstgeschichte und Kuration in Posen. Ihre Leidenschaft für die darstellenden Künste begann mit einem Praktikum im Kunst- und Kulturzentrum Brisbane Powerhouse in Australien 2008. Es schlossen sich viele Jahre an, in denen Asperska in Theatern, für Festivals und auch für internationale Vertriebsfirmen arbeitete. Bei Something Great koordiniert sie aktuell eine neu gegründete Sammlung darstellender Künste, arbeitet für die gemeinnützige Organisation PROAC in Uruguay als künstlerische Beraterin, Kuratorin und Managerin und sitzt 2022 in der Jury des Festivals Internationale Tanzmesse NRW.

Bereits seit Sommer 2021 ist Asperska für May Town in Zetkin Park als Context Curator an der Konzeption und Ideenfindung der Online-Residenz mit virtueller Ausstellung beteiligt und war im Vorfeld, bis zur Übergabe an Kathleen Bomani, für die Zusammensetzung der Künstler:innen zuständig. Dabei brachte sie eine Gruppe von Kunstschaffenden zusammen, deren Verständnis für die Problematik des Kolonialismus in ihrer persönlichen Erfahrung und künstlerischen Praxis verwurzelt ist.

Patryk Lichota

– Designer und Programmierer –

Patryk Lichota ist Musiker, Komponist, Multimedia-Künstler, akademischer Forscher, Musikproduzent, Kurator. Doktor der Kunstwissenschaften und Dozent an verschiedenen Universitäten. Er engagiert sich als Mitglied des HAT Center – Humanities/Art/Technology – für transdisziplinäre Forschungs- und Kunstprojekte und ist künstlerischer Leiter und Produzent des Festivals für improvisierte Musik und andere Festivals.

In seiner vielseitigen Arbeit beschäftigt er sich unter anderem mit virtueller Realität und Telepräsenz, Interaktivität, Klangkunst und Sounddesign. Mit seinem Hang zu experimentellen Räumen in der webVR-Technologie ist Lichota für May Town in Zetkin Park als Designer und Programmierer für die virtuelle Ausstellung zuständig, die die historische STIGA von 1897 nachempfindet und die durch zeitgenössische Interventionen im Rahmen der Online-Residenz erweitert wird.

Eucaris Guillen

– NATI –

Genau 70 Jahre nach der Leipziger STIGA in Panama City geboren, wuchs Eucaris Guillen in einem Land und in einer Stadt auf, deren Form durch die Kolonialisierung geprägt wurde und in der sich bis heute postkoloniale Konstrukte und Normen in den gesellschaftlichen Strukturen wiederfinden. Mal spanisch, mal schottisch, mal kolumbianisch, mal französisch, mal amerikanisch; die heutige Republik Panama wurde von vielen beansprucht, die dorthin kamen und sich dachten, dass sie das Rezept hätten, um aus dieser „herrenlosen“ Gegend in strategischer Lage den meisten Profit rauszuziehen.

Die Installation Nati befasst sich mit den Wurzeln der Künstlerin und deren Widersprüchen. Afrikanische, deutsche, spanische und indigene Ursprünge in einem Menschen vereint. Ein postkoloniales Erbe, welches sie nicht nur als Zeitzeugin erlebt, sondern in das sie hineingeboren wurde. Nati erzählt die Geschichte ihrer Urgroßeltern in Panama im gleichen Zeitraum, in dem in Leipzig die STIGA öffnete. Sie beschreibt die Umgebung, in der sie lebten und Menschen, die sie umgaben. Menschen vereinigt an einem Ort großer Verzweiflung und großer Hoffnung. Menschen, die denselben Ort aus verschiedenen Perspektiven erlebten, die selten aufeinander blickten, sondern sich viel häufiger und bewusst voneinander abwendeten. 

Eucaris Guillen ist Kultur- und Eventmanagerin. Sie lebt seit 1988 in Leipzig, wo sie an der HTWK Drucktechnik studierte. Seit Beginn der 90er-Jahre setzt sie sich für die Integration und Teilhabe von Menschen aus anderen Kulturen ein. 2014 gründete sie den Verein „Initiative Aktives Gestalten e. V.“, mit dem sie sich unter anderem auch für benachteiligte Kinder und Jugendliche diverser Herkunft in Leipzig engagiert.

Alberto Bustamante

– Op. Coatlinchan – Mexican Jihad –

Alberto Bustamante ist Musikproduzent, bildender Künstler, Filmemacher und Performer aus Mexiko-Stadt. Seine Projekte durchbrechen immer wieder Grenzen von Tanzmusik und künstlerischer Produktion. In seiner elektronischen Oper Coatlinchan – Mexican Jihad beschäftigt er sich gemeinsam mit nicht binären Künstler:innen, mit prähispanischer Kultur und postkolonialen Studien.

Für May Town in Zetkin Park begeben sich die Künstler:innen der Oper inhaltlich auf eine Reise, die mit dem Mythos um die steinerne Skulptur des aztekischen Wettergottes Tlaloc spielt, die den Eingang des Nationalmuseums für Anthropologie in Mexiko-Stadt bewacht. Die sieben Meter hohe und 165 Tonnen schwere Skulptur zählt zu den größten Monolithen der Welt. Eines Nachts erwacht dieser Koloss zum Leben und wundert sich, wo er ist und wer er sei. Im Zustand des Rausches einer Peyote-Zeremonie beginnt die Identitätssuche und ein Ausflug zu den verschiedenen Gottheiten des prähispanischen/Nahua Pantheons. Unter anderem trifft er dabei auf Chalchiuhtlicue, die als Wassergöttin die Seen, Flüsse und Lagunen repräsentiert. In ihrer Darstellung ist sie sowohl männlich als auch weiblich. Prähispanische Kunstwissenschaftler:innen gehen davon aus, dass es sich um die wahre Identität des als Tlaloc bekannten Monolithen handeln könnte.

Der Umzug seines Labels NAAFI in eine alte Fabrik nach Azcapotzalco, einer von 16 Verwaltungsbezirken im Nordwesten von Mexiko-Stadt und die dort vorherrschenden räumlichen Möglichkeiten inspirierten Bustamante, der schon viele Jahre Queer-Performance-Partys produziert, zu diesem neuartigen Format.

Bastian Sistig

– STIGARRR! –

Der Theatermacher aus Berlin, Autor, Performer und Regisseur mit „Faible für spekulative Settings und unspektakuläre Ästhetik“ (bastiansistig.com), ist Teil des künstlerischen Forschungskollektivs PARA und Gesellschafter des Produktionslabels &sitig GbR. Erinnerungspolitiken und ihr abenteuerliches Verunklaren gehören zu den Themen, mit denen sich Bastian Sistig besonders gerne beschäftigt.

Derzeit arbeitet er gemeinsam mit dem Künstler:innen-Kollektiv PARA und dem GRASSI Museum für Völkerkunde Leipzig an einem partizipativen Restitutionsprojekt: Berge versetzen. Mit dieser Intervention will die Künstler:innengruppe PARA die Spitze des Kilimandscharo zurückgeben, die der Kolonialgeograf Hans Meyer 1889 nach Deutschland verschleppte. Dafür lädt PARA die Öffentlichkeit ein, Replikate der Bergspitze zu erwerben, die in der Ausstellung im GRASSI Museum ab dem 3. März 2022 hergestellt und im Rahmen einer Crowdfundingkampagne online verkauft werden. Mit dem Erlös der verkauften Replikate soll der Rückkauf des tatsächlichen Gipfelstücks ermöglicht werden. Um den Einsatz zu erhöhen, hat PARA am 17. September 2021 die obersten sechs Zentimeter der Zugspitze entfernt. Sie dient als Geisel im Prozess der Rückführung. Erst wenn der Gipfelstein des Kilimandscharo zurückkehrt, wird auch der Gipfel der Zugspitze wieder an seinen Platz gebracht. Eine Intervention um Kolonialismus, Raubgut und Restitution. Und darum, das koloniale Erbe aufzuarbeiten.

Für May Town in Zetkin Park begibt Sistig sich ebenfalls auf Spurensuche nach historischen Überresten: Gemeinsam mit Kindern verschiedener Leipziger Grundschulen soll im Rahmen des Projektes STIGARRR! über Restitutionen nachgedacht werden.

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