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Im Rahmen des Projektes May Town in Zetkin Park begeben sich seit Dezember 2021 Künstler:innen verschiedener Disziplinen und von drei Kontinenten in einen internationalen künstlerischen Austausch. In einer eigens für dieses Projekt konzipierten Online-Plattform wurde ein digitaler Raum geschaffen, der es ermöglicht, gemeinsam an den unterschiedlichen Projekten zu arbeiten. Zwischen Mai und Juli 2022 lädt die Schaubühne zu individuellen und gemeinschaftlichen Erkundungen mit digitalen Formaten und realen Interventionen im Clara-Zetkin-Park ein.

Die Online-Residenz-Crew

Kathleen Bomani

– Kuratorin Online Residence –

Kathleen Bomani aus Daressalam arbeitet als vielseitige Kulturkuratorin, Netzwerkerin und Fürsprecherin offen gelebter Kreativität. In den letzten Jahren hat sie leidenschaftlich recherchiert, archiviert und ihre Funde durch Veröffentlichungen, Medienarbeit und öffentliche Vorträge weitergegeben. Aktuelle Dokumentationen und eine Modenschau im Smithsonian National Museum of African Art runden ihr letztes Jahrzehnt in der Kunst- und Kulturszene ab. Ihre Arbeiten sind tief mit der Kulturgeschichte verwurzelt, wofür sie sich tief in die Archive begibt. Im Jahr 2013 wurde Kathleen Bomani von Art & Change-Stipendium der Leeway Foundation für Medien, visuelle Künste und Kulturerhaltung sowie mit vielen anderen Auszeichnungen innerhalb ihrer globalen afrikanischen Diaspora-Gemeinschaft geehrt.

Für May Town in Zetkin Parkkuratiert sie die Künstler:innen der Online-Residence, die es sich gemeinsam zur Aufgabe gemacht haben, das Monument der STIGA von 1897 freizulegen. Dabei soll vor allem die koloniale und kapitalistische Integrität untersucht werden, die mit der STIGA hervorgegangen ist, in der Hoffnung, die Ungerechtigkeiten und Grausamkeiten der Vergangenheit zu enthüllen. Zugleich sind alle Akteur:innen gefordert, neue Wege einzuschlagen, um neue Blickwinkel offenlegen zu können, problematische Sichtweisen zu akzeptieren und letztlich die Vergangenheit und die Gegenwart zu restaurieren.

Julia Asperska

– Context Curator –

Julia Asperska, engagierte Kunst- und Kulturmanagerin, Kuratorin und Moderatorin im internationalen Kontext, arbeitet unabhängig als künstlerische, kuratorische und strategische Beratung. Sie ist stellvertretende Co-Direktorin bei Something Great und lebt in Posen. Sie besitzt einen Masterabschluss in Ethnolinguistik und besuchte ein Aufbaustudium für Kunstgeschichte und Kuration in Posen. Ihre Leidenschaft für die darstellenden Künste begann mit einem Praktikum im Kunst- und Kulturzentrum Brisbane Powerhouse in Australien 2008. Es schlossen sich viele Jahre an, in denen Asperska in Theatern, für Festivals und auch für internationale Vertriebsfirmen arbeitete. Bei Something Great koordiniert sie aktuell eine neu gegründete Sammlung darstellender Künste, arbeitet für die gemeinnützige Organisation PROAC in Uruguay als künstlerische Beraterin, Kuratorin und Managerin und sitzt 2022 in der Jury des Festivals Internationale Tanzmesse NRW.

Bereits seit Sommer 2021 ist Asperska für May Town in Zetkin Park als Context Curator an der Konzeption und Ideenfindung der Online-Residenz mit virtueller Ausstellung beteiligt und war im Vorfeld, bis zur Übergabe an Kathleen Bomani, für die Zusammensetzung der Künstler:innen zuständig. Dabei brachte sie eine Gruppe von Kunstschaffenden zusammen, deren Verständnis für die Problematik des Kolonialismus in ihrer persönlichen Erfahrung und künstlerischen Praxis verwurzelt ist.

Patryk Lichota

– Designer und Programmierer –

Patryk Lichota ist Musiker, Komponist, Multimedia-Künstler, akademischer Forscher, Musikproduzent, Kurator. Doktor der Kunstwissenschaften und Dozent an verschiedenen Universitäten. Er engagiert sich als Mitglied des HAT Center – Humanities/Art/Technology – für transdisziplinäre Forschungs- und Kunstprojekte und ist künstlerischer Leiter und Produzent des Festivals für improvisierte Musik und andere Festivals.

In seiner vielseitigen Arbeit beschäftigt er sich unter anderem mit virtueller Realität und Telepräsenz, Interaktivität, Klangkunst und Sounddesign. Mit seinem Hang zu experimentellen Räumen in der webVR-Technologie ist Lichota für May Town in Zetkin Park als Designer und Programmierer für die virtuelle Ausstellung zuständig, die die historische STIGA von 1897 nachempfindet und die durch zeitgenössische Interventionen im Rahmen der Online-Residenz erweitert wird.

Pedro Sepúlveda Cruz Coke

–  179 years –

Pedro Sepúlveda Cruz Coke lebt und arbeitet in Mexiko-Stadt. Als Performer ist er Teil des MIL M2-Kollektivs, welches seit 2017 als Nomaden den Dialog mit unterschiedlichen Orten in Südamerika, der Karibik und Europa sucht. Auch heute, inmitten politischer, sozialer, wirtschaftlicher, gesundheitlicher und ökologischer Krisen, setzten MIL M2 ihre Arbeit fort und erforschen neue Formen zur Aktivierung kritischen Denkens im Kollektiv. Dabei untersuchen sie verschiedene Methoden, sowohl in den öffentlichen Raum als auch in die Grenzen zwischen Kollektivem und Privatem einzugreifen.

Für May Town in Zetkin Park wird Pedro Sepúlveda fünf Interviews mit der mexikanischen Schauspielerin, Sängerin und Performerin Julia Pastrana führen, die im 19. Jahrhundert aufgrund einer angeborenen Erkrankung und der daraus resultierenden extremen Körperbehaarung unter dem Namen „die hässlichste Frau der Welt“, „die Affenfrau“ oder „die Frau mit Bart“ ausgestellt wurde. In dieser Zeit gewinnt sie eine besondere Beziehung zur Stadt Leipzig durch ihre Inszenierung des Stückes „Der kurierte Meier“, welches in einer zweiten Aufführung wegen Unsittlichkeit und Obszönität zensiert wurde.

Ihre Erscheinung nahmen viele zeitgenössische Wissenschaftler:innen zum Anlass, sie als eine Art „Bindeglied“ zwischen Affen und Mensch zu verorten. Unter anderem der bekannte Naturforscher Charles Darwin. Auch nach ihrem Tod mit 24 Jahren in Moskau wird sie mumifiziert und ihre Leiche gemeinsam mit dem ihres Neugeborenen bis 1970 in Europa zur Schau gestellt. Erst 2013 wird Julia Pastrana, dank der Bemühung verschiedener mexikanischer kultureller und politischer Akteur:innen in ihrer Heimat Sinaloa beerdigt – zu ihrem Schutz unter vielen Tonnen Beton.

Juliana Márquez Villacís

– Die Pflanzen, die uns beobachten –

Juliana Márquez Villacís ist Diplom-Industriedesignerin aus Kolumbien und studierte bis 2022 Art in Context an der UdK Berlin, wo sie sich auf künstlerische Arbeit mit sozialen Gruppen und Kultureinrichtungen spezialisiert. Sie koordiniert Projekte wie das Wanderkino "Cinema Nomada" in Panama und Kolumbien und das Kinokabarett in Leipzig. Für die Gestaltung des Kubus „Sperrgebiet“ im Rahmen des Projektes Expedition 4x6 entstanden gemeinsam mit der Schaubühne unter Villacís großformatige Pflanzendrucke ausgestorbener Pflanzen. Derzeit arbeitet sie an der Konzeption, Materialisierung und Produktion eigener Projekte und kooperiert dabei mit verschiedenen Organisationen und Akteuren. Ihre Arbeit konzentriert sich auf die Suche nach der Wiederverbindung mit der Natur und dem Bewusstsein für sie – all dies als Antwort auf das Bedürfnis, sich als Mensch, als Tier, als Teil eines natürlichen Ökosystems zu erkennen.

In Pflanzen, die uns beobachten für May Town in Zetkin Park schlägt sie einen Perspektivwechsel vor: Kann aus dem Blickwinkel der Natur eine andere Erzählung der Geschichte entstehen, der Hierarchien verändert und abweichende Narrationen zulässt? Die uns zu einer anderen Vorstellung von Zukunft bewegt? Aber, wer würde das Subjekt dieser neuen Geschichte sein?

Salvo Lombardo

– White Garden –

Salvo Lombardo ist Choreograf und Multimedia-Künstler, Kurator und unabhängiger Forscher. Zudem arbeitet er als künstlerischer Leiter der Organisation Chiasma in Rom, die sich zwischen Tanz, Theater und bildender Kunst mit besonderem Augenmerk auf Sprache und Videokunst beschäftigen und zahlreiche Koproduktionen mit Theatern und Festivals im internationalen Kontext aufweisen.

Er forscht zu Theorien und Praktiken im Bereich Tanz, Theater und bildender Kunst und arbeitet bei vielen nationalen und internationalen Festivals mit, wie 2017 als Künstler beim Festival Oriente Occiente in Rovereto oder als Ko-Kurator 2019 bis 2021 für das Resurface Festival in Rom, wo er sich bereits mit dekolonialen und postkolonialen Themen beschäftigte. Derzeit ist er mitwirkender Künstler beim MilanOltre Festival und einer der Wissenschaftler des europäischen Forschungs- und Ausbildungsprojekts Micro and Macro Dramaturgies in Dance.

Für May Town in Zetkin Park reflektiert Lombardo in seiner Videoinstallation White Garden Begriffe wie Identität, Vielfalt, Moderne, Stereotype und Konflikt, während er die „Wiederkehr“ vergangener kolonialer Vorstellungen auf der aktuellen Oberfläche heutiger Körperdarstellungen untersucht. Im Rahmen des Projekts May Town möchte Lombardo eine Videoarbeit schaffen, die sich mit den möglichen Verschiebungen der Beziehung zwischen dem ethnozentrischen Vorstellungsbild des westlichen Kolonialismus und den exotischen und standardisierten Ikonografien beschäftigt, die das zeitgenössische Leben durch seine Medien und Bilder widerspiegelt.

Wie hat der Westen auch dank der Welt- und Industrieausstellungen seinen körperlosen und ethnozentrischen Blick konstruiert? Von welchem Vorstellungsbild ging er dabei aus? Wie hat die Verfremdung des „Anderen“ in der „westlichen Kultur“ in der Gegenwart neue und aktualisierte Formen gefunden? Welche Verbindungen bestehen heute zwischen ökologischer Rhetorik, der Darstellung von Natur, kultureller Aneignung und Exotismus?

Im Kern geht es darum, gefundenes Filmmaterial und zusammengeschnittene Videoclips mit einer Reihe von kurzen Videosequenzen zu vermischen, die mit dem Performer Jaskaran Anand erstellt wurden, mit dem Salvo Lombardo seit einigen Jahren zu diesen Themen zusammenarbeitet.

Der Schwerpunkt der Arbeit liegt auf den Verbindungen zwischen Design und Massenmedien, Kunst und Werbung, offizieller Kultur und Gegenkultur, kultureller Aneignung, kultureller Dekolonisierung und Selbstrepräsentationsprozessen.

Angela Kobelt

– Ad Acta –

– Zu den Akten –

Angela Kobelt ist Theatermacherin, Produktionsleiterin und Pädagogin. Zu ihren Arbeitsschwerpunkten gehören darstellende Künste im öffentlichen Raum, performative Audiowalks und multimediale Spektakel. Als Gründungs- und Vorstandsmitglied von Kulturkosmos Leipzig e. V. ist sie im Laufe der Jahre zur Expertin in der Leitung multidisziplinärer Teams geworden.

Sie interessiert sich leidenschaftlich für Geschichte, besonders für die des 19. und frühen 20. Jahrhunderts. Ein Schwerpunkt ihres Interesses liegt auf Wirtschaftsgeschichte und den Wechselbeziehungen zwischen Wirtschaft und Gesellschaft.

Kobelt hat einen Magistertitel in den Fächern Theaterwissenschaft, Pädagogik und Literaturwissenschaft. Außerdem ist sie ausgebildete Finanzbuchhalterin.

Für May Town in Zetkin Park führt sie uns zu den Akten des Kaiserlichen Kolonialteams in Berlin. Die „Kolonialausstellung“ war eine Attraktion der STIGA 1897, für die besonders viel Reklame gemacht wurde und die eine große öffentliche Aufmerksamkeit erhielt. Ein Bestandteil von ihr war das „Afrikanische Dorf“. Um diesen einem Anschein von Authentizität zu geben, waren in der Kolonie Deutsch-Ostafrika 50 Menschen angeworben worden. 46 von ihnen kehrten Ende 1897 wieder in ihre Heimat zurück, vier waren gestorben. Betreiberin des „Afrikanischen Dorfes“ und der „Kolonialausstellung“ war die „Deutsch Ostafrikanische-Ausstellung G.m.b.H.“. Diese Firma war von einem ehemaligen Kolonialoffizier gegründet worden, der auf dem Gebiet des heutigen Tansanias gedient hatte und nach seiner Rückkehr nach Deutschland sein Glück als Geschäftsmann versuchte.

Leutnant a. D. Karl Blümcke hatte im Leipziger Bankhaus H. C. Plaut einen solventen Geldgeber gefunden, der das nötige Startkapital für die GmbH lieferte. Nötig für Blümckes Geschäftsidee war aber nicht nur Eigenkapital, sondern auch politische Unterstützung. Für seine Ausstellung benötigte er die Zustimmung des Kaiserlichen Kolonialamtes in Berlin sowie des deutschen Gouvernements in Sansibar. Ohne die Einwilligung dieser beiden Institutionen wäre es ihm nicht möglich gewesen, 50 Schwarze Frauen und Männer von Afrika nach Europa zu holen. Nicht nur aus diesem Grund schrieb Blümcke im Oktober 1896 einen Brief an das Kaiserliche Kolonialamt nach Berlin.

Es begann eine rege Korrespondenz, die zahlreiche weitere Briefe und Aktennotizen zur Folge hatte. Dieser Schriftverkehr ist archiviert worden und mittlerweile auch digital verfügbar. In den Akten finden sich zahlreiche Informationen zum „Geschäftsmodell“ Kolonialausstellung. Leutnant Blümcke, diverse Beamte sowie Vertreter des Bankhauses H. C. Plaut schreiben einander zu organisatorischen und wirtschaftlichen Fragen. Zwischen den Zeilen ist auch immer wieder zu erkennen, welche Triebkräfte ihr Denken und Handeln bestimmen. Die alten Handschriften in den Akten sind schwer zu lesen. Man braucht sehr viel Zeit und Geduld, um alles zu entziffern. Ein Schwerpunkt Kobelts Arbeit ist es, diesen langsamen Prozess des Entzifferns, Transkribierens, Recherchierens sowie den Umgang mit unlesbaren bzw. unlösbaren Passagen anschaulich und nachvollziehbar zu machen.

Ein zweiter Fokus liegt auf den Inhalten und auf den Fragen, die sich bei der Aktenlektüre stellen: Was wird hier geschrieben? Wie wird hier verhandelt? Welche wirtschaftlichen Überlegungen und kapitalistischen Zwänge steuern die Handlungen des Ausstellungsmachers? Wie werden Menschen zu Waren gemacht? Welche Rolle spielen rassistische Ideologien, wenn es um scheinbar nüchterne wirtschaftliche Themen wie Bilanz, Gewinn und Verlust geht?

 

Isabel Tueumuna Katjavivi

– No stone left unturned –

Isabel Tueumuna Katjavivi ist Multimedia-Künstlerin aus Namibia. Sie wurde vor der Unabhängigkeit der namibischen Nation in New Haven als Tochter einer britischen Mutter und eines namibischen Vaters geboren, der 27 Jahre lang im Exil lebte und in der namibischen Unabhängigkeitsbewegung aktiv war. In ihrer Arbeit nutzt sie die Kunst als Mittel zur Selbstheilung, zur Erforschung von Traumata, zum Aushandeln von Identität und zur generationenübergreifenden Erinnerung.

Für May Town in Zetkin Park fokussiert sie sich in ihrer Videoinstallation No stone left unturned, was gleichzeitig „kein Stein bleibt auf dem anderen“ und „nichts bleibt unversucht“ bedeutet auf zwei Themen: Erinnerung und den Völkermord an den OvaHerero von 1904 bis 1908. Dazu verwendet Katjavivi Fotografien, bewegte Bilder, Tonskulpturen und Materialien von Orten des Traumas.

Die Geschichte ist in physischen und emotionalen Räumen verankert. Denkmäler erzählen von bewaffneten Auseinandersetzungen und Siegen und von denjenigen, die durch die Kolonialmächte umgekommen sind. Gedenkstätten für die Leidtragenden und Besiegten aus den Kolonien entstehen meist erst viel später.

In Namibia erinnern sich Familien an die schrecklichen Verluste der OvaHerero, Nama und anderer, die in den zentralen und südlichen Teilen Namibias lebten und während der Kolonialkriege und des Völkermords durch die deutschen Kolonialmächte starben. Durch die mündliche Überlieferung werden einige dieser Orte, die Geschichte und die Menschen in Erinnerung gerufen. Halb versteckt am Straßenrand liegen Orte, an denen Menschen anhalten, um ihnen die letzte Ehre zu erweisen. Flüsse, Brücken, Bäume und Termitenhügel erzählen von den Orten, an denen OvaHerero im Widerstand gegen deutsche Kolonialtruppen gefallen sind, wo sie auf ihrer Reise vorbeikamen. Die mit Gras bewachsenen und mit Zweigen übersäten Stellen sind mit Steinen markiert. Wenn man diese Orte passiert, fügt man einen Stein zu den bereits Vorhandenen hinzu. Dieser physische Akt des Gedenkens ehrt die Gefallenen und hält die Erinnerung an sie wach.

Obwohl kein:e Namibier:in entführt und auf der STIGA in Leipzig 1897 ausgestellt wurde, gibt es viele Parallelen zwischen Namibia und Tansania, von wo aus die Menschen entführt und nach Leipzig verschleppt wurden. Tansania, ebenfalls eine ehemalige deutsche Kolonie, hatte gleichsam unter Generalleutnant Lothar von Trotha zu leiden. Auch sie wurden Opfer von Gewalttaten wie Lynchmorde und Hungerstode.

Die Verbindung zwischen den beiden Ländern in diesem Kunstwerk sind die Bismarck-Felsen, die in der Nähe von Mwanza stehen, in der Nähe des Ortes, an dem die Menschen gewaltsam nach Leipzig gebracht wurden, um dort ausgestellt zu werden. Diese Felsen erinnern an die koloniale Macht, an Anspruch und Benennung, an Auslöschung. Sie verweisen auf die Felsen und Steine, die in Namibia verwendet werden, um wichtige Orte des Gedenkens an verstorbene Menschen zu markieren und sicherzustellen, dass ihr Leben und ihre Geschichte nicht verschwindet.

Thadeusz Tischbein

– Reich der Tiere –

Der gebürtige Chemnitzer Thadeusz Tischbein ist Videokünstler und lebt und arbeitet in Leipzig. Er studierte zwischen 2008 und 2016 in Leipzig an der Hochschule für Grafik und Buchkunst bei Prof. Clemens von Wedemeyer und Prof. Günther Selichar, an der Nationalen Universität der Künste Bukarest und war von 2015 bis 2016 Meisterschüler bei Candice Breitz an der Hochschule für Bildende Künste Braunschweig. In seinen Arbeiten erforscht Tischbein das Verhältnis von Macht und Fragen des Erinnerns und Vergessens durch Architektur.

Sein 2017 entstandener Videoessay SNOW WHITE ist eine Reise zu den Leichen in Mausoleen, Kirchen und Museen. In THE ATLAS OF THE WOUNDED BUILDINGS versucht er, in Einschusslöcher geschriebene Erzählungen zu untersuchen. INVENTORY aus dem Jahr 2015 berichtet aus dem fremden Wohnzimmer von sogenannten Büropflanzen.  

Für May Town in Zetkin Park hat Thadeusz Tischbein sich auf die Reise begeben zu den größten deutschen Nationaldenkmälern, sozusagen zu einigen der schwersten Brocken im Verdauungstrakt der Nation. Und hier stieß er auf allerhand Getier, welches nicht zufällig ins Gespräch kommt mit Fabelwesen und Tieren aus Sagen und Mythen. Waren doch auch die Gebrüder Grimm beteiligt an der Märchenerzählung von der uralten Nation.

„Wir sehen das ehemals an dieser Stelle vorhandene Bismarck-Denkmal. Jedoch interessieren wir uns nicht weiter für den bekannten Herren, sondern wenden uns seinem ebenfalls verewigten Hund zu. Dieser wurde im Volksmund und in Medien „Reichshund” genannt. Betreten wir nun das Hundemonument. Hier sehen wir – neben einigen kleinen Modellen von Denkmalen – eine Kurzfassung des Films „Reich der Tiere” von Thadeusz Tischbein.“

Cristina Kristal Rizzo & Kenji Parsley Hortensia

UNLEASH leave our mikes alone –

Cristina Kristal Rizzo ist eine in Florenz lebende Tänzerin und Künstlerin. Neben künstlerischen Produktionen arbeitet sie intensiv an Workshops, Konferenzen und theoretischen Konzeptionen. Ihr Interesse gilt der Choreografie in einem erweiterten Kontext, dem sie sich durch experimentelle Praktiken und kreative Prozesse in einer Vielzahl von Formaten und Ausdrucksformen genähert hat. Seit 1994 ist sie auf der Bühne als Performerin und Ideengeberin aktiv. Sie ist Mitbegründerin des Kollektivs Kinkaleri, mit dem sie durch die internationale zeitgenössische Tanzszene tourte und mehrere Preise erhielt. Seit 2008 verfolgt sie eine autonome Karriere als Produzentin und experimentelle Choreografin, in der sie ihre Körperforschung mit einer theoretischen Reflexion mit starker dynamischer Wirkung verbindet – und eine der wichtigsten Persönlichkeiten der italienischen Choreografieszene wird. Ihre Arbeit wird von TIR Danza und MiBAC (Ministero dei beni e delle attività culturali e del turismo italiano) unterstützt.

Für May Town in Zetkin Parknimmt sie gemeinsam mit dem Performer Kenji Parsley Hortensia Fragen aus André Lepeckis Buch „Blackening Europe” zum Ausgangspunkt: Wo ruht die Geschichte, wenn überhaupt? Und wie wird Geschichte wieder zum Leben erweckt und in Bewegung gesetzt? Wie findet sie ihren Grund, ihren Rhythmus, ihre Anatomie? Dabei setzen sie sich in Tanz, Musik und Film mit der postkolonialen Melancholie und dem ambivalenten Gefühl zwischen Reden und Handeln in einer europäischen Perspektive auseinander. Der Widerspruch sei nach wie vor vorhanden und offen, aber das Wesentliche, das sie zu vermitteln suchen, ein intimer Dialog und eine Zusammenarbeit zwischen verschiedenen Körpern – unabhängig ihres Alters, ihrer Hautfarbe, Kultur, Erfahrungen und Zukunftsvisionen.

In einem möglichst offenen Raum zwischen Tanz, Musik und Film, zwischen Selbstinterviews, Performances und Biografien soll sich die Produktion mit der realen Geschichte eines postkolonialen Lebens im Übergang beschäftigen. Es sollen gemeinsam Fragen und Diskussionen darüber entstehen, was eine mögliche Perspektive sein kann, die Generationenübergange, sprachliche Verpflichtungen, soziale Körpernormen, Geschlechterunterschiede und einzelne Körperbiografien nicht ausschließt. „Wir glauben, dass Subjektivitäten nur durch gegenseitige Anerkennung und eine kollektive Ethik geschmiedet werden. Der erste Schritt auf dem Weg zu einem neuen Humanismus, einem Humanismus, der für die Dimensionen des Universums als gültig angesehen werden kann, ist eine Ethik der Anerkennung von Unterschieden innerhalb des postkolonialen Paradigmas.“

Kenji Paisley-Hortensia ist Performance-Künstler, wurde in Arpajon geboren und lebt und arbeitet in Marseille. Neben seiner künstlerischen Laufbahn als Performer unterrichtet er Hip-Hop und produziert eigene Musik. Bei der Teilnahme am künstlerischen Campus Sup de Sub in Marseille lernte er Cristina Kristal Rizzo kennen, die ihn einlud, mit ihr in einer Produktion zu tanzen und nun auch bei May Town in Zetkin Park dabei zu sein.

Eucaris Guillen

– NATI –

Genau 70 Jahre nach der Leipziger STIGA in Panama City geboren, wuchs Eucaris Guillen in einem Land und in einer Stadt auf, deren Form durch die Kolonialisierung geprägt wurde und in der sich bis heute postkoloniale Konstrukte und Normen in den gesellschaftlichen Strukturen wiederfinden. Mal spanisch, mal schottisch, mal kolumbianisch, mal französisch, mal amerikanisch; die heutige Republik Panama wurde von vielen beansprucht, die dorthin kamen und sich dachten, dass sie das Rezept hätten, um aus dieser „herrenlosen“ Gegend in strategischer Lage den meisten Profit rauszuziehen.

Die Installation Nati befasst sich mit den Wurzeln der Künstlerin und deren Widersprüchen. Afrikanische, deutsche, spanische und indigene Ursprünge in einem Menschen vereint. Ein postkoloniales Erbe, welches sie nicht nur als Zeitzeugin erlebt, sondern in das sie hineingeboren wurde. Nati erzählt die Geschichte ihrer Urgroßeltern in Panama im gleichen Zeitraum, in dem in Leipzig die STIGA öffnete. Sie beschreibt die Umgebung, in der sie lebten und Menschen, die sie umgaben. Menschen vereinigt an einem Ort großer Verzweiflung und großer Hoffnung. Menschen, die denselben Ort aus verschiedenen Perspektiven erlebten, die selten aufeinander blickten, sondern sich viel häufiger und bewusst voneinander abwendeten. 

Eucaris Guillen ist Kultur- und Eventmanagerin. Sie lebt seit 1988 in Leipzig, wo sie an der HTWK Drucktechnik studierte. Seit Beginn der 90er-Jahre setzt sie sich für die Integration und Teilhabe von Menschen aus anderen Kulturen ein. 2014 gründete sie den Verein „Initiative Aktives Gestalten e. V.“, mit dem sie sich unter anderem auch für benachteiligte Kinder und Jugendliche diverser Herkunft in Leipzig engagiert.

Alberto Bustamante

– Op. Coatlinchan – Mexican Jihad –

Alberto Bustamante ist Musikproduzent, bildender Künstler, Filmemacher und Performer aus Mexiko-Stadt. Seine Projekte durchbrechen immer wieder Grenzen von Tanzmusik und künstlerischer Produktion. In seiner elektronischen Oper Coatlinchan – Mexican Jihad beschäftigt er sich gemeinsam mit nicht binären Künstler:innen, mit prähispanischer Kultur und postkolonialen Studien.

Für May Town in Zetkin Park begeben sich die Künstler:innen der Oper inhaltlich auf eine Reise, die mit dem Mythos um die steinerne Skulptur des aztekischen Wettergottes Tlaloc spielt, die den Eingang des Nationalmuseums für Anthropologie in Mexiko-Stadt bewacht. Die sieben Meter hohe und 165 Tonnen schwere Skulptur zählt zu den größten Monolithen der Welt. Eines Nachts erwacht dieser Koloss zum Leben und wundert sich, wo er ist und wer er sei. Im Zustand des Rausches einer Peyote-Zeremonie beginnt die Identitätssuche und ein Ausflug zu den verschiedenen Gottheiten des prähispanischen/Nahua Pantheons. Unter anderem trifft er dabei auf Chalchiuhtlicue, die als Wassergöttin die Seen, Flüsse und Lagunen repräsentiert. In ihrer Darstellung ist sie sowohl männlich als auch weiblich. Prähispanische Kunstwissenschaftler:innen gehen davon aus, dass es sich um die wahre Identität des als Tlaloc bekannten Monolithen handeln könnte.

Der Umzug seines Labels NAAFI in eine alte Fabrik nach Azcapotzalco, einer von 16 Verwaltungsbezirken im Nordwesten von Mexiko-Stadt und die dort vorherrschenden räumlichen Möglichkeiten inspirierten Bustamante, der schon viele Jahre Queer-Performance-Partys produziert, zu diesem neuartigen Format.

Bastian Sistig

– STIGARRR! –

Der Theatermacher aus Berlin, Autor, Performer und Regisseur mit „Faible für spekulative Settings und unspektakuläre Ästhetik“ (bastiansistig.com), ist Teil des künstlerischen Forschungskollektivs PARA und Gesellschafter des Produktionslabels &sitig GbR. Erinnerungspolitiken und ihr abenteuerliches Verunklaren gehören zu den Themen, mit denen sich Bastian Sistig besonders gerne beschäftigt.

Im Frühjahr arbeitete er gemeinsam mit dem Künstler:innen-Kollektiv PARA und dem GRASSI Museum für Völkerkunde Leipzig an einem partizipativen Restitutionsprojekt: Berge versetzen. Mit dieser Intervention will die Künstler:innengruppe PARA die Spitze des Kilimandscharo zurückgeben, die der Kolonialgeograf Hans Meyer 1889 nach Deutschland verschleppte. Dafür lädt PARA die Öffentlichkeit ein, Replikate der Bergspitze zu erwerben, die in der Ausstellung im GRASSI Museum ab dem 3. März 2022 hergestellt und im Rahmen einer Crowdfundingkampagne online verkauft werden. Mit dem Erlös der verkauften Replikate soll der Rückkauf des tatsächlichen Gipfelstücks ermöglicht werden. Um den Einsatz zu erhöhen, hat PARA am 17. September 2021 die obersten sechs Zentimeter der Zugspitze entfernt. Sie dient als Geisel im Prozess der Rückführung. Erst wenn der Gipfelstein des Kilimandscharo zurückkehrt, wird auch der Gipfel der Zugspitze wieder an seinen Platz gebracht. Eine Intervention um Kolonialismus, Raubgut und Restitution. Und darum, das koloniale Erbe aufzuarbeiten.

Für May Town in Zetkin Park begeben sich Bastian Sistig und Kolja Vennewald auf Spurensuche nach dem kolonialen Erbe der STIGA. Was machen eigentlich Palmen in Leipzig? Warum sind die Überreste der einstigen STIGA heute ein Hügel im Clara-Zetkin-Park? Und an was oder wen wird hier eigentlich erinnert? Gemeinsam mit Schüler:innen verschiedener Leipziger Grundschulen und der Theaterpädagogin Eucaris Guillen wird der heutige Clara-Zetkin-Park performativ darauf untersucht, was zurückgegeben, wiedergutgemacht, ausgegraben, abgebaut und eingemeißelt gehört. Dafür gründen sie das temporäre Restitutionskommando STIGARRR!, dass den heutigen Park auf seine historisch gewachsenen Ungerechtigkeiten untersucht und sich dem (un-)möglichen Vorhaben widmet, alles zurückzugeben, was zurückgegeben werden kann!

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