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Es wirkt wie das dunkle Skelett eines alten Gartenhauses, in dem sich Spuren erstarrter Natur finden. Aufgerissene Erde deutet auf versickertes Wasser hin. Silhouetten längst ausgestorbener Pflanzen ragen hervor. Ein Ort voll bizarrer Schönheit. Erleben konnte man im Kubus des vierten Kapitels der „Expedition 4x6“, dem „Sperrgebiet“, eine minimalistische Installation, die Fragen stellt. Sehen wir eine Zukunftsvision der Umwelt oder zeigt sich hier konzentriert die heutige Realität der menschlichen Zerstörung?

In Theater, Film und Vorträgen wurde diese Frage wissenschaftlich-künstlerisch beleuchtet. Das Sperrgebiet steht dabei nicht nur für die fortschreitende Zerstörung der Natur. Der Mensch schafft zum Beispiel durch Kriege oder den fahrlässigen Umgang mit Atomenergie Sperrgebiete, in denen kein Leben mehr möglich ist – oder aber Natur ungestört neu entwickelt? Sperrgebiete entstehen auch mental, mit Menschen, Gedanken und Erinnerungen, die wir lieber hermetisch wegschließen, mit denen wir uns nicht beschäftigen. Im vierten Kapitel der Reihe „Expedition 4x6“ zog der Kubus vom Standort am Naturkundemuseum auf den Wilhelm-Leuschner-Platz um. Von September bis November 2020 war er frei zugänglich.

Ein Kooperationsprojekt von Schaubühne Lindenfels und Naturkundemuseum Leipzig September bis November 2020. 

Der Rest eines Gebäudes, ein Eisenskelett wie es irgendwo in einer verlassenen Gegend unseres Planeten stehen könnte.

Es provoziert die Frage: Was bleibt von der Umwelt, wenn der Mensch mit ihr fertig ist? Wir sehen in eine gestorbene Landschaft. Der Boden ist aufgerissen und grau.

Von einigen heute verschollenen und ausgestorbenen Pflanzen unserer Region sind bedruckte Holztafeln geblieben. Hat jemand hier nach den letzten Exemplaren gesucht, und Holzschnitte angefertigt, um wenigstens ihr Bild für uns zu bewahren. Ihre Namen klingen schon seltsam fremd: Nachtkerze/ Korn Rade/ Flachs Seide/ Hirschzungenfarn.

Auf einem Wasserrest schimmert Öl und verweist auf einen Regenbogen, den es am Himmel des Sperrgebietes nicht mehr gibt. Eine Dystopie? In vielen Gegenden unserer Erde Realität. Kontaminierte Industriebrachen, vergiftete oder ausgetrocknete Landschaften, devastierte Orte. Die Erde gezeichnet vom Raubbau an der Natur, vom Krieg und anderen Menschen gemachten Katastrophen, nicht nur auf den Schlachtfeldern der Gegenwart oder auf denen der Vergangenheit, die noch immer mit Landminen und alter Munition überhäuft sind. Und nicht nur in den apokalyptischen Landschaften und Dörfern um Tschernobyl und Fukushima.

Aber es gibt noch viele andere gesperrte Gebiete wie Grenzstreifen, verbotene militärische Zonen und diverse „gated Areas“ – bewachte Orte. Und auch unsichtbare Grenzen können den Zugang für manche von uns unmöglich machen: „befreite Zonen“, Ghettos, Slums, Favelas. Und dann sind da noch die Sperrgebiete im übertragenen Sinn: vermintes Gelände in unseren Gesellschaften, unsichtbare aber wirkungsstarke Tabuzone, verdrängte Geschichten und Zensurbereiche.

Konzeption und Gestaltung

Elisabeth Schiller-Witzmann (Raum & Objekt)

Juliana Marquez Villacís (Holzschnitt & Druck)

René Reinhardt (Konzeption & Text)


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