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Das „Leipziger Siegesdenkmal“ ragte seit 1888 zwölf Meter hoch über den Leipziger Marktplatz und glorifizierte den Sieg über Frankreich im Deutsch-Französischen Krieg von 1870/71, dem dritten und letzten der Deutschen Einigungskriege. Errichtet aus Granit, Bronze und Kupfer, verkörperte es das paternalistische und militaristische Welt- und Menschenbild des Wilhelminischen Deutschen Reiches, erbaut für die Ewigkeit. Inmitten von Trümmern überstand es den Zweiten Weltkrieg beinahe vollkommen unbeschadet. Auf Antrag der SPD, aber ohne sowjetische Genehmigung, wurde es als „Zeichen des Militarismus“ 1946 demontiert und eingeschmolzen.

Der über zwölf Meter hohe Koloss aus Granit, Bronze und Kupfer wurde nicht nur aus dem Stadtbild entfernt. Kaum ein:e Leipziger:in weiß heute noch von der Existenz des Siegesdenkmals. Während andere Denkmäler, wie die Siegessäule in Berlin, noch als Touristenattraktionen herhalten dürfen – zumeist vollkommen unkommentiert ob ihrer Herkunft und ihrer historisch fragwürdigen Einordnung, – entschied man sich 1946 den Leipziger Marktplatz von dieser Bürde zu befreien.

Wie gehen wir mit unserer Vergangenheit um?

Die Frage nach dem Umgang mit eben jenen vollkommen aus der Zeit gefallenen Bauten bleibt als gesellschaftliche Frage im Raum – meist unbeantwortet. Doch um sich an ihr zu stoßen, ist sie hervorragend geeignet. Bei kaum einem Diskurs trifft man auf derartig breite Spektren von Ansichten und Meinungen: Vom Aufruf einer originalgetreuen Rekonstruktion bis zur vollkommenen Ablehnung überhaupt daran zu erinnern. Der Anstoß bleibt nicht ohne Folgen, denn er belebt einen totgeglaubten Diskurs. Den über diese alten, verwitterten Granitklötze und zeigt, worum es durchaus auch geht: um aktuelle Bezüge und neue Wertvorstellungen, die sich darin widerspiegeln sollten.

Am Siegesdenkmal, einem Kriegsmonument wie diesem in Leipzig, lassen sich zudem viele weitere Fragen stellen: Wann ist Nachkrieg vorbei? Welchen Stellenwert hat unsere Erinnerungskultur und was ist ihre Aufgabe? Wie lange haben Deutungen bestand und Gültigkeit?

Mit der Idee und Umsetzung ein Denkmal wie dieses zu dekonstruieren und temporär zu errichten, noch dazu aus einem per se vergänglichen Material – weißem, kristallenem Zucker, – sind auch jene Diskurse in den öffentlichen Raum gespült worden. Und jeder Regentropfen verändert die Oberfläche des Zucker-Pferdes. Worin sich im Grunde die Vergänglichkeit auch unserer Einschätzungen und Sichtweisen auf Aktuelles oder eben gerade Zurückliegendes zeigt. Ist es nicht nur folgerichtig, ein für die Ewigkeit erbautes Monument zu Ehren eines Krieges oder einer sonst militärisch gearteten Erinnerung zu hinterfragen? An deren Stelle etwas zeitlich Begrenztes zu setzen und Freiräume zuzulassen – für jede Generation – die diese Ereignisse wieder neu einrordnen darf?

Wieso ein Denkmal aus Rübenzucker?

Dass sich die Schaubühne Lindenfels in ihrem Projekt „Zucker.Rausch.Germania“ für Pferde aus weißem Rübenzucker entschied, ist nicht zufällig. Der Aufstieg Preußens zu einer hegemonialen Macht in Deutschland und Europa ist auf komplexe Weise mit dieser unscheinbaren Zuckerrübe verbunden. Durch ihre industrielle Herstellung wurden enorme finanzielle Mittel freigesetzt, die den Staat in die Lage versetzten, seine wirtschaftlichen, militärischen und politischen Ambitionen umzusetzen. Welche Symbolkraft und Bedeutung besonders für Preußen im Zucker stecken, zeigt auch die Redewendung „Zuckerbrot und Peitsche“, die den Kern der preußischen Politik unter Bismarck beschreibt. Durch einen starken Wohlfahrtsstaat sollten soziale Konflikte abgeschwächt und die aufkommende Sozialdemokratie verhindert werden.

Zeitgemäße Interpretation historischer Monumente

Ein Monument wie das Siegesdenkmal wieder in die Erinnerung einer Stadt und einer Gesellschaft zu bugsieren, ist letztlich auch ein Aufruf, sich mit unbewältigten Traumata auseinanderzusetzen – ein Aufzeigen, dass Nachkrieg für Teile betroffener Generationen doch noch nicht vorbei ist – auch nicht, wenn ein riesiges Monument wie das Siegesdenkmal aus dem Stadtbild getilgt wird.

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