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Zucker.Rausch.Germania

Interventionen in Leipzig, Brno, Strasbourg und Berlin

Mit temporären Installationen an historischen Orten in Leipzig, Brno, Strasbourg und Berlin richtet die Schaubühne den Blick auf Siegesdenkmäler neu aus und hinterfragt die Motive, unter denen sie errichtet wurden.

 

Preview I & II

Trailer zu ZUCKER.RAUSCH.GERMANIA

Die temporäre Installation ZUCKER.RAUSCH.GERMANIA – Leipzig, ein verschwundenes Denkmal ist ab 21. August 2021 auf dem Leipziger Marktplatz zu sehen. Zudem gibt es zwei Extra-Programme unter Beteiligung internationaler Künstler:innen.

Vom 21. August bis 17. September 2021 auf dem Leipziger Marktplatz.


Themenjahr 2021 „Leipzig – Stadt der sozialen Bewegungen“

Vor 150 Jahren: 1871 wird Karl Liebknecht geboren und noch während des Deutsch-Französischen Krieges die Gründung des Deutschen Reiches in Versailles vollzogen. Anlässlich dieser Jubiläen begeht Leipzig das Themenjahr 2021 „Leipzig – Stadt der sozialen Bewegungen“.

1888 wird auf dem Marktplatz zur Erinnerung an die Reichsgründung und den Sieg im Deutsch-Französischen Krieg ein Denkmal errichtet. 1946 abgerissen, tauchen 2021 im Leipziger Stadtrat plötzlich Ideen auf, es originalgetreu wiederaufzubauen. Höchste Zeit, sich mit diesem „Ding“ und seinem Geist auseinanderzusetzen.

Das Kunstprojekt der Schaubühne Lindenfels „Zucker.Rausch.Germania“, das sich in einem europäischen Kontext mit Krieg, Nachkrieg und Versöhnung beschäftigt, hat hier seinen lokalen Ausgangspunkt – im historischen Herzen unserer Stadt. Weitere Orte sind Brno, Strasbourg und Berlin.

Wann hört Nachkrieg auf?

Editorial von René Reinhardt

Wenn der Krieg vorbei ist, beginnt die Zeit des Verdrängens und Vergessens. Doch was heißt vorbei? Was getan, erduldet, erlitten wurde, bleibt anwesend, drängt nach Verarbeitung und Versöhnung. Dafür braucht es Räume und Zeit. Mit den Traumata weiterzuleben wird zur Last der Überlebenden und ihrer Familien wird Teil der Nachkriegsgesellschaft, auch wenn lange geschwiegen und verdrängt wird. Wann aber hört Nachkrieg auf? Wenn der nächste Krieg beginnt?

Nur wenn wir Wege finden, die Erfahrungen und Bilder bewusst zu machen, zu erinnern und zu bearbeiten, können wir sie bewältigen und mit ihnen umgehen lernen. Nur dann können wir aus der Vergangenheit eine Zukunft ableiten, die den Kreislauf der zerstörerischen Konflikte durchbrechen kann. Entscheidend dafür ist es, Räume zu schaffen, die nicht von politischen, wirtschaftlichen und ideologischen Interessen besetzt und dominiert werden. Versuche der Verkürzung dieses Prozesses, des Ausblendens und Wegheftens führen zur Verengung auf wenige, oft stereotype Formen des Erinnerns, die wie Platzhalter wirken und auf Verallgemeinerung und Abstraktion abzielen. Die Toten - meistens von vornherein aufgeteilt in „Unsere“ und „die Anderen“ –, aber auch die Überlebenden, derer gemeinsam zu erinnern wäre, werden so zu einem Geisterchor des Immer-Weiter-so eingeschmolzen. Selten war dies so anschaulich wie in der Bronzegruppe der acht landsmannschaftlichen Fahnenträger des Leipziger Siegesdenkmals. Den Durchhalte- und Fortsetzungsslogan hatten die Erbauer gleich mit an den Granitsockel geschlagen: „Unsre Brüder haben freudig für das Reich den Tod erlitten.“ Dafür brauchte es keine Deutung, das Programm ist manifest, der nächste Krieg nur eine Frage der Gelegenheit.

Das Leipziger Siegesdenkmal ist nicht ohne die zuvor in Berlin errichtete Siegessäule zu denken. Beide zielten auf die Motivation zum Krieg hin und machten aus dem Töten und Sterben Heldentaten. Diese Monumente des „Nation buildings“ mit den Mitteln des Chauvinismus und Militarismus – bewusst ins Herz der Stadt platziert, – kann man abreißen oder auch stehen lassen. Die eigentliche Aufgabe bleibt es, an ihrem Beispiel den Entwicklungsweg unserer Gesellschaft und Kultur als eine Nachkriegsgesellschaft nachzuzeichnen, indem wir diese Monumente immer wieder und auf verschiedene Weise abrüsten und entwaffnen, mindestens so lange, wie wirklicher Frieden noch keine Selbstverständlichkeit auf unserem Planeten ist. Verdrängen und Vergessen jedenfalls werden uns dabei nicht helfen.


Gastbeitrag von Dr. Wolfgang Schäuble

Schirmherr des Projektes „Zucker.Rausch.Germania“

„Alles Menschliche ist an sich nur provisorisch“

– das Zitat stammt von Otto von Bismarck. Auch unsere Perspektive auf die Geschichte, auf Geschehenes und Gewesenes, verändert sich von Generation zu Generation. Doch sie vergeht nicht, die Vergangenheit bleibt und sie prägt uns.

Das Kunstprojekt „Zucker.Rausch.Germania“ setzt sich in besonderer Weise mit Prägungen und Deutungen auseinander. Im Mittelpunkt des Projekts stehen die monumentalen Denkmäler aus der Zeit Bismarcks. In Stein und Bronze wurden sie einst als Mahnmale für die Ewigkeit errichtet und bejubelt – Sinnbilder für den damals wachsenden Stolz der erstmals geeinten Nation, für den Ruhm von Kaiser, Gott und Vaterland. So unerschütterlich die Siegessäulen mit der Germania in vielen Städten erscheinen – auch diese Denkmäler sind in Bismarcks Sinne Provisorien. Und bisweilen auch Provokation.

Besonders die Ehrenmäler aus der Zeit des Deutsch-Französischen Krieges verstören Betrachter heute mit ihren martialischen Aussagen. Manche wurden geschliffen, andere fügen sich wie Bismarck-Türme oder Reiterstandbilder harmonisch ins Stadtbild und niemand nimmt Anstoß. Dennoch bleiben Fragen an die deutsche Geschichte – und jede Zeit stellt diese neu und anders.

„Zucker.Rausch.Germania“ will mit Kunstaktionen und Installationen in Deutschland, Frankreich und Tschechien zur zeitgemäßen Interpretation der historischen Monumente anregen – mit ungewöhnlichen Ideen und vor allem mit einem ungewöhnlichen Werkstoff: dem Zucker.

Auch dessen Geschichte ist eng mit der des Kaiserreichs verbunden. Die Zuckerrübe wurde im 19. Jahrhundert in die industrielle Produktion geschickt. Damit begann der Siegeszug des raffinierten Zuckers, der uns heute im Überfluss begegnet. Mit dem süßen und klebrigen Material verfremden die Künstler des Projekts „Zucker.Rausch.Germania“ Reiterstandbilder und Denkmäler – nicht um den Anblick zu überzuckern, sondern um Appetit auf zeitgemäße Fragen an die deutsche Geschichte zu machen.

Unsere Antworten geben Auskunft über unser kollektives Selbstverständnis. Wir leben in einer vielfältigen Gesellschaft, die auf der Suche nach Zusammenhalt und gemeinschaftlicher Identität ist. Trotz der Globalisierung und der voranschreitenden Individualisierung bleibt die Nation ein zentraler Bezugspunkt in unserem Selbstverständnis, sie vermittelt auch heute Zugehörigkeit.

Die Reichsgründung von 1871 hat den damals von vielen herbeigesehnten Nationalstaat gebracht. Unerfüllt blieben allerdings die freiheitlichen Ideale, für die über die Jahrzehnte – nicht zuletzt in den einzelstaatlichen Parlamenten – gekämpft worden war. Zugleich war die Kaiserproklamation in Versailles vom 18. Januar 1871 der Ausgangspunkt eines Irrwegs aus nationalem Chauvinismus und kollektiven Kränkungserfahrungen – mit entsetzlichen Folgen für Deutschland, Europa und die Welt.

Die Mächtekonkurrenz führte in den Ersten Weltkrieg. 1919, erneut in Versailles, musste das besiegte Deutschland einen Vertrag mit harten Bedingungen und damit einhergehenden Reparationsforderungen unterzeichnen. Dies trug zum Aufstieg des Nationalsozialismus bei, der nicht nur Deutschland und Frankreich in den verheerenden Zweiten Weltkrieg stürzte. Die Weimarer Republik hielt den zerstörerischen Kräften im Innern nicht stand. 

Nationalismus, Pangermanismus und andere Ausschließlichkeitsansprüche hatten Dramen zur Folge. Es zählt zu den schönsten Wendungen der Geschichte, dass die einstigen Erbfeinde Deutschland und Frankreich nach dem verheerenden Zweiten Weltkrieg heute in Freundschaft verbunden sind, dass nach der Wiedervereinigung die Voraussetzung für Freiheit, Frieden und Wohlstand für ganz Europa geschaffen werden konnte – ein Entwicklung, aus der nicht zuletzt grenzüberschreitende Kunstaktionen wie „Zucker.Rausch.Germania“ hervorgehen konnten.

So wichtig es ist, die schrecklichen Konsequenzen eines ins Rauschhafte übersteigerten Nationalgefühls im Blick zu behalten, so wichtig ist es auch, an den gesellschaftlichen Aufbruch und die emanzipatorischen Fortschritte zu erinnern, die nach der Gründung des Kaiserreichs vor 150 Jahren in Deutschland in Gang kam. Kein Denkmal erinnert daran: Die Vorstellung von der Gleichheit aller vor dem Gesetz begann sich zu verbreiten, das Selbstverständnis der Bürger als Staatsbürger wuchs und die Idee der Demokratie fand mehr und mehr Anhänger. Mit dem Kaiserreich geriet viel in Bewegung, die Menschen fingen an, ihre Rechte und Interessen nachdrücklich einzufordern, sie nahmen ihre Belange selbst in die Hand, das Vereinswesen florierte, der Ruf nach Bildung für alle wurde laut, auch der Kunstgenuss war nicht mehr nur privilegierten Ständen vorbehalten.

Im ausgehenden 19. Jahrhundert liegt der Grundstein für das vielfältige bürgerschaftliche Engagement, das Deutschland heute auszeichnet. Die Zivilgesellschaft bringt kreative und tiefgründige Projekte wie „Zucker.Rausch.Germania“ hervor, für das ich gerne die Schirmherrschaft übernommen habe.

Ich wünsche allen beteiligten Künstlerinnen und Künstlern, dass es ihnen gelingt, mit ihren vergänglichen Werken bleibenden Eindruck zu hinterlassen und lange nachhallende Diskussionen anzustoßen.

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